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Kontraste.

Nach Paris macht die Fotoausstellung „Tokyo Curiosity“ der Künstlergruppe Tokyo-GA Halt in Berlin. Mit ihren Bildern wollen die Mitglieder ein Gegengewicht setzen zu denen der Fukushima-Katastrophe von 2011. Für den „planet“ berichtet Tokyo-GA-Fotograf Günter Zorn, wie Lufthansa Cargo bei der Europa-Tournee hilft.

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Frühjahr 2011: Eine traurige Bilderflut aus Japan erreicht die Welt. Es sind Aufnahmen von einer gleich dreifachen Katastrophe: Am 11. März zerrüttet ein Erdbeben das Land, kurze Zeit später überrollt ein Tsunami Städte und Dörfer. Durch die Schäden fallen im Atomkraftwerk Fukushima die Kühlsysteme aus. Es kommt zur Kernschmelze.

Im Sommer 2011 erreichen weitere Bilder aus Japan die Welt. Es sind Aufnahmen aus kleinen Straßenrestaurants, in denen sich Frauen im Kimonokostüm lachend mit dem Barkeeper unterhalten. Fotos von bunten Leuchtreklamen an belebten Plätzen und von Kindern, die Hand in Hand unter einem gelben Regenschirm spazieren. Es sind Momentaufnahmen vom Alltag in Japan, der auch nach der Katastrophe weitergeht. Aufgenommen haben diese Bilder Fotografen der Künstlergruppe Tokyo-GA (東京 画 – zu deutsch: Tokio-Bilder). Die international aktive Kuratorin Naoko Ohta rief das Projekt kurz nach der Katastrophe ins Leben – als Gegengewicht zu den traurigen Bildern, die 2011 um die Welt geisterten. Bis heute sammelt Tokyo-GA täglich neue Aufnahmen.

Ausgewählte Werke des Kollektivs sind derzeit auf Ausstellungs-Tournee. „Tokyo Curiosity“ zeigt auch Bilder von Günter Zorn. Der ehemalige Landeschef von DHL arbeitet heute als Fotograf in Tokio und ist der einzige in Japan lebende Deutsche, der von Tokyo-GA als Mitglied aufgenommen wurde. Vergangenen Herbst begleitete er den Transport der Ausstellungsstücke mit Lufthansa Cargo. Hier ist die Geschichte aus seinen Augen.

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AUS DER SICHT EINES FOTOGRAFEN – 
UND DEM BLICKWINKEL SEINER KAMERA.

Rückblick: Es ist Oktober 2018, und ich stehe im Frachtbereich des Flughafens Tokio-Narita. Um meinen Hals trage ich meine Leica und diverse Sonderausweise, die mir den direkten Zugang zum Rollfeld gewähren. Vor mir ein zwei Mann hoher Stapel Kartons auf einer Palette. Er ist dick mit Folie umwickelt und zusätzlich mit einem Netz gesichert. Darauf groß der Schriftzug „Tokyo Curiosity“. Ich mache ein paar Fotos. Und halte kurz inne. Bis dato habe ich mir nie groß Gedanken über internationale Luftfracht gemacht. Sie ist und war immer Routine für mich. Geschieht jeden Tag und überall. Und in der Regel funktioniert sie auch reibungslos. Doch dieses Mal ist alles ein wenig anders. Ich weiß: In den Kartons befinden sich 200 Kunstwerke unserer Gruppe Tokyo-GA, die gleich nach Paris geflogen werden. Und was es für mich noch wertvoller macht: Einige von diesen Werken sind die meinen.

Lufthansa Cargo ist Sponsor unserer Ausstellung. Als man mich bat, die Reise der Bilder fotografisch zu begleiten, war ich sofort Feuer und Flamme. Leider war ich derzeit sehr beschäftigt. Den Part in Paris übernahm liebenswerterweise mein Tokyo-GA-Kollege Hiroki Ikesue für mich. Die Verladung am Flughafen in Tokio ließ ich mir aber nicht entgehen.

Meine Bilder sollten im Magazin „planet“ erscheinen, das wusste ich. Der zuständige Redakteur wünschte sich von mir Bilder in Schwarz-Weiß. Seine Intention: Der Beitrag wird ein einzigartiges Aussehen bekommen, welches sich optisch von den anderen Artikeln im Magazin abhebt. Gebeten, getan. Schwarzweiß ist meine Lieblingsfarbe. Das hebt das Wesentliche hervor. Und so stehe ich am Tag der Entscheidung mit meiner Leica Monochrome 246 – die Königin unter den Digitalkameras der Schwarz-Weiß-Fotografie – am Flughafen Tokio-Narita. Meine Begleitung ist Naoko Ohta. Zuvor hatten wir schon einige Stunden bei einem Framing-Unternehmen in Tokio verbracht, das unsere Kunstwerke flugsicher verpackte.

Jetzt – im Frachtbereich des Flughafens – kommen wir gleich mit einigen Cargo-Mitarbeitern ins Gespräch. Freundlich und kooperativ wirken sie auf uns. Und was uns besonders beruhigt: Wir haben das Gefühl, dass diese Menschen ihre Arbeit wirklich lieben und sich sehr sorgsam um die Fracht kümmern – besonders, wenn es um Kunst geht. Naoko sagt später zu mir: „Ich arbeite unheimlich gern mit dem Team von Lufthansa Cargo. Die Mitarbeiter haben ein Gespür für Omotenashi, das schätze ich sehr.“ Omotenashi – dahinter verbirgt sich in Japan ein sehr vielschichtiges Konzept der Gastfreundschaft und des ­Kundenservices.

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Doch zurück zum Rollfeld. Hier hat sich bereits das Tageslicht verabschiedet. Die Boeing 777F steht da wie ein gigantischer Riese. Ihre Frachttür gleicht einem gierigen Mund, bereit, Container und Paletten mit allen möglichen Gütern für die Welt zu schlucken. Darunter auch unsere Fotografien. Es hat mich immer erfreut, Flugzeuge am Himmel zu beobachten. Aber es ist nochmal etwas ganz anderes, diese Giganten aus der Nähe zu sehen, unter ihrem Bauch und den endlosen Flügeln entlang zu spazieren. Ich bin überwältigt.

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Und habe sogar die Chance, den noch leeren Frachtraum zu betreten. Wie eine riesige High-Tech-Kathedrale tut er sich vor mir auf. Ich bin ganz in meine Fotografie versunken. Alles wirkt surreal. Plötzlich hebt eine riesige Maschine gleich die eines Monsters aus einem Transformer-Film unsere Palette in die Höhe und schiebt sie in den höhlengleichen Frachtraum. Jetzt muss alles schnell gehen. Wir winken noch einmal zum Abschied und machen ein Gruppenfoto mit der Cargo-Mannschaft. Dann ist es vorbei. Die Maschine hebt just in time ab gen Frankreich. Und Naoko und ich fahren zurück in die Innenstadt von Tokio. Im Auto teilen wir unsere Eindrücke vom Tag. Und entspannt blicken wir auf die kommenden Wochen. Lufthansa Cargo übernimmt auch den weiteren Transport der Kunstwerke. Wir sind überzeugt: Sie sind allzeit in sicheren Händen.

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Günter Zorn – ein Deutscher Fotograf in Tokio.

Günter Zorn, 1953 in Bonn geboren, arbeitete früher für den japanischen Ableger von Heidelberger Druckmaschinen sowie als Landeschef von DHL. Als der Manager 1991 nach Tokio zieht, blickt er zunächst auf riesige Betonstelzen, Wolkenkratzer und ein unendliches Häusermeer. Doch dieses Bild wandelt sich schnell. Zorn entdeckte Tokio auf seine ganz eigene Weise, für ihn wird die Stadt zur Metropole der 1.000 Dörfer. Der gelernte Medien- und Bildtechniker lässt sich in einem dieser Dörfer nieder: Kagurazaka. Zorn beschreibt das Viertel mit seiner Mischung aus japanischer Kultur, den ruhigen Gassen, der Patina und seinem fast europäischen Flair als einen Ort, der ihn auch ein wenig an seine Heimat erinnert. Bis heute lebt er gemeinsam mit seiner Frau in Tokio und dokumentiert das Leben auf den Straßen mit der Kamera. Seine Bilder stellt er regelmäßig in Japan, Frankreich und Deutschland aus. Er ist Vorstandsmitglied der Gruppe Tokio-GA.

http://guenterzorn.com

Fotos: Günter Zorn, Hiroki Ikesue

Planet 1/2019