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„Durch den Corporate Carbon Footprint erkennen wir unsere wichtigsten Emissionstreiber und können daraus Maßnahmen ableiten.“

Bettina Moerth erläutert den CO2-Fußabdruck der Lufthansa Cargo für das Jahr 2020.

Bereits zum zehnten Mal hat Lufthansa Cargo ihren Corporate Carbon Footprint, also den CO2-Fußabdruck unseres gesamten unternehmerischen Handelns, für das Kalenderjahr 2020 von externen Beratern prüfen und bestätigen lassen – und das auf freiwilliger Basis. Wie ermittelt man eigentlich so einen CO2-Fußabdruck? Und wozu machen wir das? Was machen wir mit den Ergebnissen? All das haben wir Bettina Moerth, Umweltmanagerin bei Lufthansa Cargo, gefragt.

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Frau Moerth, was genau ist eigentlich der Corporate Carbon Footprint und wie setzt er sich zusammen?

Ein Corporate Carbon Footprint ist die Summe aller direkten und indirekten Klimagase, die durch die Aktivitäten eines Unternehmens verursacht werden. Eine solche Emissionsbilanz beinhaltet die Emissionen aus eigenen Fahrzeugen und Anlagen („Scope 1“) sowie die Emissionen aus eingekaufter Energie wie Strom und Wärme („Scope 2“). Vollständig wird die Bilanz durch die sogenannten Scope-3-Emissionen, also die Emissionen aller vor- und nachgelagerten Bereiche der Wertschöpfungskette, auch unter Einbezug unserer Tochtergesellschaften.

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Also muss man sich das so vorstellen, dass bei der Berechnung des Corporate Carbon Footprint am Ende eine Gesamtsumme an CO2-Emissionen herauskommt? Welche Emissionen werden dabei abgebildet? Und wie ermittelt man das?

Ja genau, am Ende steht eine Zahl von 4,77 Mio. t CO2e für das Jahr 2020. Das kleine e steht für CO2-Äquivalente, weil nicht nur CO2-Emissionen betrachtet werden, sondern auch die anderen im Kyoto-Protokoll gelisteten Treibhausgase wie Methan, Lachgas oder sogenannte fluorierte Gase. Diese Emissionen werden je nach ihrem Treibhauspotenzial in Kohlendioxid-Äquivalente umgerechnet. Für die Berechnung richten wir uns nach der in der Praxis weltweit verbreiteten Richtlinie, dem Greenhouse Gas Protocol (GHP). Am Anfang steht die Datenermittlung sämtlicher Verbräuche und Umweltauswirkungen – vom Kerosinverbrauch auf sämtlichen Plattformen über die Energie- und Treibstoffverbräuche, eingekaufte Lademittel/-hilfsmittel, Abfallmengen und Dienstreisen bis hin zu den Mitarbeitendenfahrten. Diese werden in einer Excel-Tabelle erfasst. Für jedes Material bzw. jede Umweltauswirkung (Kerosin, Diesel, Fernwärme, Aluminium, Müllverbrennung usw.) gibt es Emissionsfaktoren, die die Umweltauswirkungen z. B. bei der Herstellung, beim Transport und bei der Verbrennung entsprechend mitberücksichtigen. Multipliziert mit den Verbräuchen bekommt man am Ende so die oben genannte Zahl.

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Das klingt nach sehr viel Arbeit. Und das machen Sie alles händisch im Team Umweltmanagement? Wozu machen wir uns diese Riesenarbeit? Es gibt ja keine Verpflichtung für Unternehmen, diesen CO2-Fußabdruck zu erheben, oder?

Ja, damit sind wir im Team eine Zeit lang beschäftigt, und nein, es gibt keine gesetzliche Verpflichtung, einen CCF zu ermitteln. Auch wenn mit weiter reichenden Verpflichtungen zu rechnen ist, stehen andere Gründe, warum wir einen CCF erstellen, im Vordergrund:

1. Weil Nachhaltigkeitskriterien immer wichtiger für Investoren werden. Wir nehmen mit unseren Daten zusammen mit dem Konzern am Ranking des Carbon Disclosure Project (CDP) teil. Die Transparenz, die wir damit schaffen, zeigt unsere Verantwortung, unsere Glaubwürdigkeit und unsere Authentizität.

2. Intern ergibt sich der Nutzen aus der Devise, frei nach Peter Drucker: „Ich kann nur etwas verbessern, was ich auch messen kann.“ Wir bekommen durch den CCF einen tieferen und weiteren Blick auf unsere wichtigsten Emissionstreiber und erkennen klarer, wo wir mit effektiven und kosteneffizienten Reduktionsmaßnahmen ansetzen können.

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Wie bewerten Sie denn das aktuelle Ergebnis? Können wir damit zufrieden sein? Können Sie das für uns ein wenig einordnen?

 
Klassischerweise stellt man seine Umweltauswirkungen entsprechend den Scopes dar. Die erste Erkenntnis hier ist, dass ein Drittel unserer Emissionen direkt von uns durch unsere Frachter- und operative PKW-Flotte verursacht wird (Scope 1); weniger als 1 % entsteht durch den Einkauf von Energie (Scope 2) und zwei Drittel unserer Emissionen werden entlang unserer Wertschöpfungskette verursacht (Scope 3).

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Wenn wir die Ergebnisse in der folgenden Grafik genauer betrachten, fällt auf, dass fast 99 % unserer CO2-Emissionen durch den Flugbetrieb und Kerosinverbrauch entstehen. Was verbirgt sich hinter dem Rest?

Genau, als Fluggesellschaft haben wir uns entschieden, eine andere Darstellungsform zu wählen. Und zwar differenziert nach „Welche Emissionen sind ‚flugbezogen‘?“ und „Welche restlichen Emissionen kann man grob ‚am Boden‘ verorten?“. Und da kommen wir zu der Erkenntnis, dass eben gut 99 % flugbezogen sind:

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Trotzdem zählt auch jeder Schritt am Boden, denn die Menge von 50.650 t CO2 ist immer noch genauso viel wie Unternehmen wie die Commerzbank oder Beiersdorf im Jahr produzieren. Es besteht daher großes Potenzial, Umweltauswirkungen auch „am Boden“ zu reduzieren – sichtbar für alle Mitarbeitenden. Vor allem können alle durch ihr Verhalten und Engagement dazu beitragen.

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Kann man einen Vergleich zum letzten Carbon Footprint ziehen? Haben wir uns verbessert?

Einige der einzelnen Posten sind nicht unmittelbar vergleichbar, weil wir viele Änderungen vorgenommen haben. So haben wir manches an die Methode der Lufthansa Group angeglichen, z. B. wurden Emissionen unserer Beteiligungen unter 50 % nicht mehr berichtet. Hinzugenommen haben wir die Produktion von Flugzeugen in Scope 3. Dies ist gemäß GHP freiwillig, aber erwünscht. Und einige Posten konnten wir schon reduzieren, weil wir in Frankfurt und München Ökostrom beziehen und unsere Dienstreisen kompensieren. Die Gesamtmenge aller Emissionen hat sich aber wesentlich verändert – von 7,42 Mio. t CO2e im Jahr 2017 auf 4,77 Mio. t CO2e im Jahr 2020. Hier darf man zu einem geringen Teil die gesteigerte Effizienz durch den Flottenrollover hineininterpretieren, aber leider waren die Auswirkungen der COVID-Pandemie der größte Verursacher. Der Posten Kerosin auf Belly-Flügen war um die Hälfte reduziert.

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Und wie geht es nun weiter? Leiten Sie aus den Ergebnissen Maßnahmen ab?

Als Bettina Jansen, Head of Environmental Management bei Lufthansa Cargo, vor zehn Jahren den CCF initiiert hat, waren wir zu früh und entsprechend zögerlich in der Kommunikation. Wir waren uns nicht sicher, wie es wahrgenommen wird, dass wir als Lufthansa Cargo für genauso viele Emissionen verantwortlich sind wie ein kleines Braunkohlekraftwerk. Aber das hat sich geändert, wir wollen jetzt intern und extern stärker damit präsent sein.
Grundsätzlich leiten wir ab, dass wir uns auf unsere eigenen Scope-1- und Scope-2-Emissionen konzentrieren, weil wir darauf durch Ziele und Maßnahmen wie Flotteneffizienz und Sustainable Aviation Fuel sowie Energieeffizienz am Boden selbst Einfluss nehmen können. Scope-3-Emissionen lassen sich über die Vertragsgestaltung mit Lieferanten oder eigene Richtlinien steuern. Eine ganz wichtige Funktion hat aber am Ende der CCF für uns, und zwar als Nachweis in der Zukunft, dass unsere Maßnahmen auch greifen und der CCF immer kleiner wird.

env_report_interview_1 - Vielen Dank ...

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Moerth.

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