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Sternstunde.

Schwächelnder Markt? Fehlanzeige! Die neue Mercedes-Benz V-Klasse bleibt in China weiter auf Erfolgskurs. Ein Projekt mit erheblichem Wachstumspotenzial im luxusorientierten Reich der Mitte von heute. Ohne eine fein getaktete Logistik wäre es nicht zu stemmen.

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Es sind nur wenige Handgriffe, aber die symbolische Bedeutung ist enorm. Denn jeder weiß: Ein Mercedes-Benz steht für „Das Beste oder nichts“. Wei Jianyou greift in die bereitstehende Box, entfernt die mit Luftkissen gepolsterte Plastikverpackung und setzt das Teil in die kreisrunde Öffnung des Kühlergrills – fertig. So wird hier im Werk von Fujian Benz Automotive in Fuzhou der Mercedes-Benz Stern in eine neue V-Klasse montiert. Danach kommen nur noch die letzten Qualitätschecks, schon rollt die luxuriöse Großraumlimousine vom Band und macht sich auf den Weg zu einem der Händler irgendwo in China.
Damit die chinesische V-Klasse den Stern mit genau der gleichen Berechtigung tragen kann wie die Fahrzeuge desselben Typs aus Vitoria, dem globalen Kompetenzzentrum für Mid-Size-Vans, sind eine Menge Vorbereitungen notwendig. Schließlich besteht das Fahrzeug aus mehr als 10.000 Einzelteilen: Schrauben, Felgen, Federn, Knöpfen, Nieten, Verschlüssen, Dichtungen, Leitungen, Kolben, Blechen. Hinzu kommt Vormontiertes wie Motor, Getriebe, Achsen, aber auch Schalterpaneele, Klimaanlage, Instrumententafel und Mittelkonsole. Ganz gleich wo es gefertigt wird – das Auto, das am Ende vom Band läuft, muss ein echter Mercedes-Benz sein. Das gewährleistet das weltweit einheitliche Mercedes-Benz Produktionssystem, nach dem auch in Fuzhou gearbeitet wird. 

Globales Kompetenzzentrum mid-size-vans: Vitoria, Spanien 

Doch damit ist es nicht getan: Auch alle Einzelteile müssen Mercedes-Qualität haben – und natürlich zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Eine Herausforderung für die Logistiker, denn was eine V-Klasse zu einem Mercedes-Benz macht, gibt es hier in Fuzhou, rund eine Flugstunde südlich von Schanghai, nicht mal eben zu kaufen. Und nicht alle Teile können vor Ort im Werk gefertigt werden.

Zwar sollen 40 Prozent der Komponenten aus lokaler Produktion stammen. Das haben die Partner des Joint Ventures, das die Fabrik betreibt, mit der Regierung vereinbart. Derzeit wird vieles noch aus Vitoria geliefert. Das Gros per Seefracht, aber auch Luftfracht spielt eine wichtige Rolle.

„Wir versuchen, unser Luftfrachtauf­kommen möglichst gering zu halten“, sagt Shwa Zhang, Senior Manager Logistics Warehouse Supply bei Fujian Benz. „Wir streben kurze Transportwege und günstige Transportmittel an. Dennoch ist Luftfracht essenzieller Bestandteil unserer Logistik.“ 2015 war der Luftfrachtanteil in Fuzhou besonders groß, da die V-Klasse-Produktion gerade anlief und ein See­container nun einmal drei Monate unterwegs ist, bevor er in der Provinz Fujian ankommt. 1.314 AWBs mit Sendungen unterschiedlicher Größe und Stückzahl kamen zusammen. Nahezu alles war dabei: vom gecharterten Frachtflugzeug mit Karosserie­teilen über Luftfrachtpaletten mit Cockpit­verkleidungen bis hin zu Fässern mit sehr speziellen Chemikalien.

Luftfracht ist das Transportmittel der Wahl für alle Verbrauchsmaterialien mit geringer Haltbarkeit, die nicht in China produziert werden können. „Dazu zählen Kleber und Tapes, die im modernen Automobilbau eingesetzt werden“, erläutert Shwa Zhang. 

Es sind jedoch vor allem Kapazitätsengpässe, die Luftfracht ins Spiel bringen: „Wir haben zwar eine sehr ausgefeilte Produktionsplanung, aber kein System ist ohne Fehler, und niemand kann die kommenden Absatzzahlen ganz genau voraussagen“, sagt Zhang. „Wenn bestimmte Teile schon auf See unterwegs sind, sich dann aber viele ­Kunden doch für eine Ausstattungsvariante entscheiden, deren Komponenten nicht in ausreichender Zahl vorrätig sind, dann brauchen wir eine Luftfrachtlösung. Oder wenn eine Charge auf dem Seeweg einen Transportschaden erlitten hat.“

Luftfracht ist mitunter gefragt, wenn die Nachfrage der Autokäufer extrem nach oben ausschlägt. Und das ist bei der V-Klasse zur Freude des Mercedes-Benz Vans Managements ziemlich oft der Fall. „Das Fahrzeug trifft genau den chinesischen Geschmack“, bestätigt Dr. Guido Krupinski, President und CEO von Fujian Benz. „Viele chinesische Kunden wünschen sich einen Van mit echtem Prestigefaktor. Die V-Klasse erfüllt diesen Anspruch perfekt.“

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Chinas Ober- und gehobene Mittelschicht schätzt einen luxuriösen Stil. „In China lassen sich viel mehr Menschen chauffieren als in Amerika oder Europa“, sagt Krupinski. Das gilt insbesondere für Geschäftsleute. Sie haben auf Reisen womöglich noch Kunden, Partner oder ihren Stab dabei, und dann genügt eine klassische Limousine vom Platz her nicht mehr. Privat sind viele Chinesen ebenfalls nicht nur mit Frau und Kind unterwegs, sondern wollen noch die Eltern und womöglich das Kindermädchen mitnehmen. Standesgemäß soll es dabei auch zugehen. Deswegen Mercedes-Benz, ­deshalb V-Klasse.

„Fujian Benz hat die V-Klasse für den chinesischen Markt adaptiert und noch luxuriöser gemacht“, berichtet Krupinski. Das Fahrzeug bietet entsprechend indivi­duelle Ausstattungen, die man eher in einer S-Klasse vermuten würde. Dazu gehören eine Mittelkonsole mit Kühlbox und Thermo-Cupholdern sowie spezielle Luxuskomfortsitze im Fond – ideal für Geschäftsleute, die während der Fahrt arbeiten oder sich eine Massage gönnen möchten.

Van-Segment mit sehr guten Wachstumschancen in China  

„Die V-Klasse hat enormes Potenzial in China, aber auch unsere beiden anderen Fujian Benz-Produkte, der Sprinter und der neue Vito, haben sehr gute Wachstumschancen“, sagt Krupinski. Logistiker wie Shwa Zhang sind bereits dabei, sich für diese Zeit zu rüsten und die Kapazitäten entsprechend zu planen. „Dann werden wir gerade in der Phase, in der wir die Produktion hochfahren, immer mal wieder auf Luftfrachtimporte angewiesen sein.“

Auch exportseitig nutzt Fujian Benz Luftfracht. Vor dem Start der regulären Produktion wurden zum Beispiel Vorserienautos zu den Entwicklern am Stuttgarter Stammsitz von Mercedes-Benz Vans transportiert, um sie auf den dortigen Prüfständen nach allen Regeln der Kunst zu testen. Auch werden Komponenten aus China bei Bedarf zu den Werken nach Euro­pa oder Amerika gesendet. Beispielsweise ist die Luxusvariante der Mittelkonsole eine rein chinesische Entwicklung.

Ob aus oder nach Fernost – der Service der Logis­tikdienstleister muss dabei immer Mercedes-Benz ­Niveau erreichen. „Wenn wir auf Luftfracht setzen, gibt es nur eines: Die Sache muss klappen“, sagt Logistik­manager Zhang. „Idealerweise halten wir die Kosten für die Logistik niedrig, aber am Ende steht über allem das Ziel einer zuverlässigen Versorgung unserer Produktion.“
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Luxuriöse Vans aus Fuzhou.

Die Firma Fujian Benz Automotive ist ein Joint Venture von Daimler mit chinesischen Partnern. Das Unternehmen betreibt ein Auto­mobilwerk in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Fuzhou, die sich gegenüber von Taiwan befindet. Gegründet 2007, hat das Werk heute mehr als 1.400 Mitarbeiter, 200 in der Logistik und 500 in Management, Administration und Service. 
Die Modelle Fuzhou produziert aktuell die Mercedes-Benz ­Modelle V-Klasse, Vito und ­Sprinter, die vor allem als ­luxuriöse Großraum­limousinen, Personentransporter, Ambulanzen oder Polizei-Einsatzfahrzeuge genutzt werden. 
Die Produktion Wie in allen klassischen Automobilwerken gliedert sich die Produktion in Fuzhou in Rohbau („body shop“), Lackierung („paint shop“) und Endmontage („final assembly shop“). Zusätzlich betreibt das Werk die erste Van-Forschungs- und Entwicklungs­abteilung außerhalb Europas. 
Die Logistik Rund 40 Prozent der vor Ort benötigten Teile werden in China hergestellt, 60 Prozent stammen aus dem Mutterwerk für alle Mercedes-Benz Midsize-Vans im spanischen Vitoria oder werden dort konsolidiert und weiter nach Fuzhou gesendet. 2015 wurden 819 Container per Seefracht aus Vitoria nach Fuzhou transportiert, luftfrachtseitig kamen 1.314 AWBs zusammen.
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„Wir streben kurze Transportwege und günstige Transportmittel an.“

Shwa Zhang, Senior Manager Logistics Warehouse Supply bei Fujian Benz.

Damit aus 10.000 Einzelteilen am Ende eine V-Klasse „Made in China for China“ entsteht, muss auch die Logistik Mercedes-Benz Qualität erreichen, weiß Shwa Zhang, Senior Manager Logistics Warehouse Supply bei Fujian Benz. Als solcher ist er auch für den Export von Teilen zuständig. Besonders stolz ist man bei Fujian Benz auf die Luxussitze

und die Highend-Mittelkonsole der V-Klasse mit integrierter Kühlbox und Thermo-Cup­holdern, denn sie wurden in der werkseigenen Entwicklungsabteilung für die extrem komfort­orientierten chinesischen Kunden der V-Klasse erdacht. Mittlerweile werden sie auch nach Spanien, 
Deutschland und sogar nach Argentinien geliefert.

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„Die V-Klasse ist maßgeschneidert auf die Wünsche unserer chinesischen Kunden. Die luxuriöse Ausstattung spiegelt den Status wider, steht aber auch für ein edles Wohlfühl-Ambiente.“

Fujian Benz President und CEO Dr. Guido Krupinski vor einer V-Klasse in der Endmontage seines Werks im chine­sischen Fuzhou.

“Global und lokal zugleich.”

“Global und lokal zugleich.”

3 Fragen an Frank Klein, Head of Production Mercedes-Benz Vans

 

Wann kommt Luftfracht in Fuzhou ins Spiel?
Heute ist ein internationaler Entwicklungs- und Produktionsverbund in der Automobilindustrie nur mit Luftfracht arbeitsfähig. Dennoch versuchen wir den Anteil der Luftfracht so gering wie nötig zu halten und lassen zahlreiche Komponenten von chinesischen Zulieferern produzieren. Dazu zählen im Fall von Fuzhou Achsen, Motoren, Dach- und Fußbodenverkleidungen. Manchmal kommt es aber auf hohes Tempo an, dann, setzen wir auch auf Luftfracht. Wird ein ganz neues Modell eingeführt etwa die V-Klasse, ist es mitunter unmöglich, alle Prozesse so zu planen, dass man mit Seefracht allein den Hochlauf der Produktion stemmen kann. Priorität hat bei uns immer die Einhaltung der Zeitpläne und eine stabile Versorgung der Produktion. Danach hat sich die Wahl des Transportmittels jeweils zu richten.

Was ist das Erfolgsrezept im chinesischen Automobilmarkt?
China ist der weltweit größte Automobilmarkt. Wir bei Mercedes-Benz Vans glauben weiter an seine große Bedeutung. Die Lokalisierung unserer Fahrzeuge für die speziellen Ansprüche chinesischer Kunden stellt einen der wichtigsten Erfolgshebel dar. Dementsprechend haben wir 2013 unseren Standort in Fuzhou um unser erstes Van-Forschungs- und ­Entwicklungszentrum außerhalb Deutschlands erweitert. Bei der Entwicklung der neuen V-Klasse flossen die markt- und kundenspezifischen Anforderungen umfassend ein. So verfügt die chinesische V-Klasse über eine Vielzahl luxuriöser Ausstattungen, die Status ausstrahlen und ein repräsentatives, wohnliches Ambiente schaffen. Damit konnten wir uns als führender Hersteller im Segment der Premium-Großraumlimousine etablieren.

Wie sind die Werke logistisch verknüpft? 
Es ist Teil unserer Geschäftsfeldstrategie „Mercedes-Benz Vans goes global“, lokal in Wachstumsmärkten auf der ganzen Welt zu fertigen. Neben den europäischen Werken in Deutschland, Frankreich und Spanien sind wir auch in Argentinien, China, Russland und den USA vertreten, um hier unsere Marktchancen zu nutzen. Logistisch setzen wir auf moderne Technologien, um individuelle Kundenaufträge in all diesen Märkten mit einer bestmöglichen Prozessabsicherung zu erfüllen. So identifizieren und lokalisieren wir die benötigten Teile beispielsweise zunehmend per RFID-Technologie. Mit unserer intelligenten Steuerungstechnik können wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette nahezu in Echtzeit die Prozesse begleiten. Dabei ist unsere Transportkette, basierend auf einer ausgeklügelten Daten­logistik, vollständig vernetzt, sodass wir die zahlreichen Fahrzeugvarianten, die wir im Angebot haben, zuverlässig und pünktlich produzieren können.

 

Eine ausführliche Fotoreportage aus Fuzhou zeigt die „planet“-App, kostenlos im App Store.

 

Fotos:

Gareth Brown

planet 02/2016