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Musik fliegt in der Luft.

Wenn Pauken und Trompeten gemeinsam mit Ziegen und bayerischem Bier auf Reisen gehen, sind Experten gefragt. So wie bei der Japan-Reise der Münchner Philharmoniker. Ein Protokoll.

Montag, 14.00 Uhr, München:
Lorin Maazel lässt den Taktstock sinken. „Wir sehen uns in Nagoya wieder“, verabschiedet sich der Maestro. Minuten nach der Probe im Konzertsaal der Münchner Philharmonie beginnt hinter den Bühnen das große Packen. Deckel klappen, Verschlüsse klicken: Die Musiker verstauen ihre Instrumente in Transportkisten. Davon gibt es flache, hohe, lange, quadratische und sogar eine im Harfenformat. Die Kontrabässe packt wie üblich Orchesterwart Ivan Zelic ein. Der gebürtige Kroate – Körpergröße: „1,985 Meter nach der letzten Messung“ – balanciert die Instrumente mit einer Leichtigkeit über seinem Kopf, als wären sie aus Balsaholz. In den dazugehörigen Kisten ist noch genügend Platz für Konzertgarderobe, Schuhe und Accessoires. 

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Während die Bassisten schon nach Hause gehen, überlegt ihr Kollege Andreas Hofmeir noch, welche seiner Tuben er mitnimmt. Er bläst auf beiden abwechselnd den Schluss des „Liebestod“-Stücks aus der Wagner-Oper „Tristan und Isolde“. Dann hat er sich entschieden.

15.00 Uhr:
Im Büro von Bernd Rose sind die Daten für die dreiwöchige Asientournee der Münchner Philharmoniker im Wandkalender eingetragen. Der Inspizient reist mit. Er hat alle zwölf Japan-Konzerte logistisch bis ins Detail vorausgeplant und ist dafür verantwortlich, „dass Menschen und Instrumente zu jeder Anspielprobe da sind“. Auf Roses Schreibtisch liegen die Frachtpapiere für das fliegende Orchester, ein Zollbeamter hat sie eben unterzeichnet. 

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16.00 Uhr: 
Insgesamt 89 Packstücke reihen sich vor dem Bühnenausgang in der Kellerstraße aneinander, als der klimatisierte Lkw von DB Schenker, einem der globalen Partner von Lufthansa Cargo, vorfährt. Das Beladen erinnert an ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem vor allem Konzentration und eine Menge Maßempfinden gefragt sind. Unversehens wird der Platz auf dem Hänger knapp. „Warum gibt es überhaupt Flöten, wer spielt denn so etwas?“, witzelt einer der Ladehelfer, die das Puzzle nach zweieinhalb Stunden schließlich erfolgreich zusammengesetzt haben.

Dienstag, 9.00 Uhr, Frankfurt:
Cargo City Süd am Flughafen: In der mehr als 7.000 Quadratmeter großen Halle des Logistikunternehmens Nippon Express bugsieren Gabelstapler jede Kiste einzeln in den Hightech-Scanner. 

Die Fracht aus München zaubert poetische Bilder auf den Schirm: Pauken und Blechblasinstrumente leuchten in Azurblau, während die Silhouetten der Holzinstrumente biskuitfarben schimmern. Aber was ist das? Die Kontrolleurin schüttelt ungläubig den Kopf. „Manche Leute kommen auf Ideen!“ Unter den Fächern mit Notenstapeln sind zwei Kästen mit bayerischem Bier deponiert. Für die Gastgeschenke ist hier Endstation. 

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11.00 Uhr:
In der Halle stehen sechs Aluminiumpaletten bereit. Darauf werden die Transportkisten gepackt. Aus Bonn ist Annette Lux eingetroffen, die sich mit ihrer Firma auf Orchesterreisen spezialisiert hat und für den Transport der wertvollen Fracht der Münchner Philharmoniker zuständig ist. Dabei setzt sie auf Lufthansa Cargo – „wegen des weltweit einzigartigen Streckennetzes sowie der hohen Qualitäts- und Sicherheitsstandards“, wie sie sagt. Die größten Risiken für die sensible Fracht seien Erschütterungen und Wettereinflüsse, so die Expertin. Schließlich bedeute schon ein haarfeiner Riss in einem Cello immensen Schaden. Und wenn sich der Lacküberzug löst, weil die Instrumente in der Sonne geschmort haben, sei auch das ein Desaster, sagt Lux, während die Lagerarbeiter jede Palette mit Kunststoffnetzen und -folien überziehen. 

15.20 Uhr:
Es regnet. Übergabe an Lufthansa Cargo: Im überdachten Truck-Dock werden die ULDs von einem Förderfahrzeug mit elektrohydraulischen Rollbändern aus dem Lkw ausgeladen und ins Zwischenlager gebracht.

19.00 Uhr:
Pünktlich zum Sonnenuntergang reißen die Wolken auf. Das imposante Hecktriebwerk des MD-11-Frachters spiegelt sich in den Pfützen auf dem Vorfeld wider. Lademeister Johannes Roth überprüft die auf der Parkfläche abgestellten Paletten und Container, die als Ladung für den Cargoflug nach Tokio ausgewiesen sind. 

Die Orchester-Ausrüstung geht als „unauffällige Einheit“ durch. Mit Bruttogewichten zwischen 1.433 und 1.667 Kilogramm gehören die sechs Paletten heute zu den leichteren Sendungen. Roth berichtet auch, dass in der Animal Lounge einige Ziegen auf ihren Flug zum Zwischenstoppziel Moskau warten. Roth: „Letzte Woche hatten wir einen Löwen.“ 

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20.30 Uhr:
Die erste ULD mit Instrumenten ist per Hubwagen vor der Frachttür des Unterdecks angelangt. Sie wird drinnen an ihre Position geschoben und mit seitlichen Schienen, Bodenspangen und Spanngurten fixiert. Ein paar Meter weiter lugen die Ziegen neugierig aus ihrem Verschlag.

21.00 Uhr:
Dienstbeginn für Kapitän Daniel Wilhelm. Er fliegt die MD-11F seit 2005. Der 36-Jährige setzt in der Bordküche Kaffee auf, bevor er die Temperatur im Hauptdeck auf einen Mittelwert regelt. Für die dort geladenen Pharmaprodukte darf es nicht zu warm, für die Instrumente nicht zu kalt sein. Dass ausgerechnet die „Arbeitsmittel“ der Münchner Philharmoniker an Bord sind, freut den Klassik-Fan aus Würzburg, der selbst Schlagzeug spielt. Schließlich höre er sich die Konzertübertragungen aus der Münchner Philharmonie regelmäßig im Radio an. Wilhelm bereitet sich mit seinem Kopiloten im Cockpit vor. Knapp drei Stunden dauert der Flug nach Moskau, dort übergeben sie an zwei Kollegen, die weiter nach Tokio fliegen.

22.05 Uhr:

Pushback. Das Vorfeld ist in Flutlicht getaucht, der Frachter schwenkt zum anschwellenden Sound der Triebwerke seine Nase in Richtung Startbahn.

Donnerstag, 11.00 Uhr, Nagoya:

In der Hotelunterkunft verteilt Inspizient Rose die Backstage-Pässe an ­alle Tourneeteilnehmer. Die Reisekisten sind derweil noch per Truck unterwegs, das bedeutet: ein freier Tag für alle.
    
Freitag, 21.00 Uhr, Aichi Arts Center:

Das Publikum im Konzertsaal applaudiert begeistert, nachdem die letzten Takte von Beethovens Sinfonie Nr. 7 verklungen sind. Die Zugabe fällt aus, denn es geht gleich weiter nach Tokio. Alle Instrumente reisen heute per Lkw, denn im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen ist dafür kein Platz. 

Samstag, 12.50 Uhr, Tokio, Suntory Hall:

Das Künstlerzimmer ist von Blumenduft erfüllt, auf dem Tisch liegt ein Stapel Partituren. Zehn Minuten bis zum Konzert. Lorin Maazel reist bei Tourneen stets mit leichtem Gepäck. „Der Orchesterwart trägt die Kiste mit meinen drei Taktstöcken, von denen ich mir immer denselben aussuche. Eine Frage der Gewohnheit.“ Der Maestro lächelt. „Außerdem muss mein Gehirn in Ordnung sein, wenn ich arbeite“, sagt der 83-Jährige, der stets auswendig dirigiert. Dann steht er vom Sessel auf und geht hinaus auf die Bühne, wo heute wieder alles und jeder an seinem Platz ist, bereit für den Einsatz. Und das auch dank einer perfekten Logistik.

Fotos:

Enno Kapitza

planet 2/2013

22.05 Uhr:
Pushback. Das Vorfeld ist in Flutlicht getaucht, der Frachter schwenkt zum anschwellenden Sound der Triebwerke seine Nase in Richtung Startbahn.

Donnerstag, 11.00 Uhr, Nagoya:
In der Hotelunterkunft verteilt Inspizient Rose die Backstage-Pässe an ­alle Tourneeteilnehmer. Die Reisekisten sind derweil noch per Truck unterwegs, das bedeutet: ein freier Tag für alle.

Freitag, 21.00 Uhr, Aichi Arts Center:
Das Publikum im Konzertsaal applaudiert begeistert, nachdem die letzten Takte von Beethovens Sinfonie Nr. 7 verklungen sind. Die Zugabe fällt aus, denn es geht gleich weiter nach Tokio. Alle Instrumente reisen heute per Lkw, denn im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen ist dafür kein Platz. 

Samstag, 12.50 Uhr, Tokio, Suntory Hall:
Das Künstlerzimmer ist von Blumenduft erfüllt, auf dem Tisch liegt ein Stapel Partituren. Zehn Minuten bis zum Konzert. Lorin Maazel reist bei Tourneen stets mit leichtem Gepäck. „Der Orchesterwart trägt die Kiste mit meinen drei Taktstöcken, von denen ich mir immer denselben aussuche. Eine Frage der Gewohnheit.“ Der Maestro lächelt. „Außerdem muss mein Gehirn in Ordnung sein, wenn ich arbeite“, sagt der 83-Jährige, der stets auswendig dirigiert. Dann steht er vom Sessel auf und geht hinaus auf die Bühne, wo heute wieder alles und jeder an seinem Platz ist, bereit für den Einsatz. Und das auch dank einer perfekten Logistik.

 

Fotos:

Enno Kapitza

planet 2/2013