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Flying horses.

Wie aus dem Nichts blitzt das Temperament der Araberstute hervor. Schnaubend reißt das Tier den Kopf in die Höhe. Zugleich bewegt es seinen Körper ruckartig nach vorn und bringt mit dem Aufstampfen eines Hufs den Boden des Anhängers zum Vibrieren. „Easy!“, ruft Vanessa Moreau-Sipiere – und hat die Situation im Griff. Die Leine kurz unterhalb des Kopfs haltend, führt sie die Stute weiter in den Trailer, als sei nichts geschehen. „Ich bin mit Arabern aufgewachsen und mag sie daher ganz besonders“, sagt die 30-Jährige, nachdem sie die Tür des Anhängers verriegelt hat. „Aber grundsätzlich liebe ich alle Pferde, vor allem wegen ihrer Persönlichkeit und Intelligenz.“ Das Leben und Arbeiten mit Arabern, Vollblütern und Quarterhorses liegt Vanessa Moreau-Sipieres Familie im Blut. Die Großeltern waren erfolgreiche Züchter – zuerst in Frankreich, seit Ende der 70er-Jahre in den USA. Die Eltern betreiben in Como im Nordosten von Texas das Gestüt Centurion Stud. Dort tummeln sich zu jeder Zeit weit über 100 Pferde, die meisten aus der eigenen Zucht. Hinzu kommen etwa Stuten, die dem Paar von ihren Besitzern für die Geburt und Aufzucht von Fohlen anvertraut wurden.

„Nach zwei bis drei Jahren kommen die Jungpferde zu ihren Besitzern“, erklärt Moreau-Sipiere beim Rundgang auf dem weitläufigen Gelände des Gestüts. Viele dieser Vierbeiner reisen unter der Obhut der jungen Frau. Denn sie hat das Managen von Pferdetransporten 2016 zum Hauptberuf gemacht: als Gründerin von Centurion World Logistics. Die meisten dieser Tiere gehen zu Empfängern im Nahen Osten und in Europa, wo sie als Renn- oder auch als Show-Pferde dienen. Längst nicht jeder Transport startet vom elterlichen Gestüt aus: „Die Pferde kommen aus den gesamten USA, wobei recht viele der Gestüte hier in Texas sind“, so Vanessa Moreau-Sipiere. Die Kundschaft besteht sowohl aus Pferdezüchtern und -käufern als auch aus Agenten. Verkehrsmittel der Wahl für die Interkontinentaltransporte ist das Flugzeug. „Ich bin zu 100 Prozent auf die Luftfracht angewiesen“, erklärt die Logistikerin. Zum einen sind es vom Airport in Houston, den sie schwerpunktmäßig nutzt, bis Frankfurt zum Beispiel nur zwölf Flugstunden, während die Überfahrt auf See ein Vielfaches davon in Anspruch nimmt. Zum anderen wäre den Tieren eine Seereise nicht zuzumuten.

Seit die Texanerin ihre eigene Chefin ist, nutzt sie Lufthansa Cargo. „Mir ist beim ersten Meeting klar geworden, wie dicht das Netzwerk ist und wie sehr ich davon profitieren kann.“ Rund 50 Prozent ihrer Pferde reisen mit dem Frachtkranich. Im Vorjahr waren das 120 Tiere, allein in den ersten sechs Monaten 2018 bereits 75. Viele der Flüge führen nach Frankfurt, weitere Schlüssel-Destinationen sind Riad und Dammam in Saudi-Arabien, Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Kuwait City. Das ist „Enabling Global Business“, wie es sich Lufthansa Cargo auf die Fahnen geschrieben hat. Bei Zwischenstopps in Frankfurt werden die Tiere in der Frankfurt Animal Lounge betreut. „Das Team ist klasse und weiß genau, was die Pferde brauchen“, sagt Vanessa Moreau-Sipiere. „Wenn wir sie für den Weiterflug abholen, sind sie ausgeruht und haben reichlich Heu und Wasser.“ An Bord befinden sich die Pferde in Spezialcontainern. Bis zu 18 Tiere werden ins Hauptdeck der MD-11F verladen, die auf den relevanten Verbindungen überwiegend eingesetzt wird. Hinzu kommen zwei Begleiter, die auf Sitzen hinter dem Cockpit Platz nehmen.

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KEIN TRANSPORT OHNE BEGLEITUNG.

Denn reisen Pferde, sind Bezugspersonen, auf Englisch Grooms, unerlässlich. Das gilt am Airport, wo die Tiere vor dem Export von einem Tierarzt des United States Department of Agriculture (USDA) in Augenschein genommen werden. Umso mehr gilt es in der Luft: „Die Grooms dürfen während des Flugs zu den Tieren, um sie zu tränken und zu beruhigen“, sagt Vanessa Moreau-Sipiere, die diese Aufgabe meist selbst übernimmt. „Zum ersten Mal bin ich als 20-Jährige mitgeflogen und habe das seither regelmäßig gemacht.“ Damals managte ihr Vater manchen Transport in Eigenregie und setzte die Tochter als Groom ein. In anderen Fällen wurden Forwarder beauftragt. „Mir machte das Spaß, deshalb beschloss ich irgendwann, die Logistik ganz zu übernehmen. Die nötigen Kurse habe ich bei der IATA absolviert und auch dort die ,TSA Indirect Air Carrier‘- Bescheinigung erworben.“ Resultat war die Gründung von Centurion World Logistics.

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Der Export von Pferden ist mit hohem administrativen Aufwand verbunden. „Wie viel Papierkram zu erledigen ist, hängt vom Zielland ab“, so die Logistikerin. Zudem müssen die Pferde vor der Reise in Quarantäne genommen werden. Auch das bietet sie ihren Kunden an – dank der Quarantäne-Station, die ihre Eltern vor gut zehn Jahren auf dem Gestüt eingerichtet haben. Seit diesem Herbst wickelt die Texanerin auch Transporte aus dem Ausland in die USA ab, auf der Basis eines jüngst erworbenen „customs broker“-Zertifikats. „Aber das wird ein Add-on zum Export bleiben“, erklärt Vanessa Moreau-Sipiere. Noch wichtiger ist ihr, ein weiteres Projekt zu realisieren: eine Tier-Station – also eine Art Frankfurt Animal Lounge – am Flughafen Dallas/ Fort Worth (DFW) nur anderthalb Autostunden vom Centurion-Stud-Gestüt entfernt. „Diese könnten sowohl ich selbst als auch andere Forwarder für den Export nutzen.“ Geleitet wird sie dabei nicht zuletzt von dieser Überlegung: Auch von DFW aus bietet Lufthansa Cargo regelmäßige Frachterverbindungen an.

Fotos: Edward Carreon

Planet 2/2018