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Sterne aus Uganda.

Blumen sind positives Sinnbild des Lebens. Wer jemanden ehren oder seine Zuneigung ausdrücken will, kann dies überall auf der Welt mit Blumen tun. Manchmal bedeuten sie „Ich liebe dich“, manchmal „Verzeih mir!“ und manchmal einfach nur „Heute wird gefeiert!“ „Ob zum Jubiläum, sportlichen Erfolg oder hohen Feiertag – Blumen sind eine Sprache, die jeder versteht“, bestätigt Wilson Keter. „Die Menschen freuen sich darüber!“ Das gefällt ihm so sehr an seiner Arbeit als Produktionsmanager bei Selecta One auf der Wagagai Farm in Uganda, rund eine Autostunde westlich der Hauptstadt Kampala. Selecta One ist eines von sechs deutschen und niederländischen Gärtnereiunternehmen, die mit der Initiative „Stars for Europe“ die Popularität von Weih nachtssternen weiter fördern wollen. Die Pflanze mit den knallroten, bei manchen Sorten auch weißen oder beigen Blättern gehört in der westlichen Welt zur Weihnachtszeit wie ein Adventskranz und der Christbaum. Millionen Familien dekorieren ihre gute Stube in den Tagen vor dem großen Fest mit dem ebenso eindrucksvollen wie symbolträchtigen Gewächs. Das ist allerdings nur möglich, weil vorher in Afrika und in Europa eine gärtnerische und logistische Meisterleistung erbracht wird.

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Das Geschäft mit den Weihnachtssternen basiert auf einer intensiven Arbeitsteilung, bei der es um die gemeinsame Bewältigung von Mengen-, Kosten- und Qualitätsanforderungen geht, die allen Beteiligten Jahr für Jahr Höchstleistungen abverlangt. Die Stecklinge der Pflanze werden in Afrika erzeugt – neben der Wagagai-Farm in Uganda betreiben die Mitgliedsunternehmen der „Stars for Europe“-Initiative noch weitere Betriebe in Kenia und Äthiopien. In Europa wachsen die Weihnachtssterne dann zu voller Größe heran und reifen, bis sich ihre farbige Krone entwickelt hat.

Als Wilson Keter einmal bei einem Meeting in der Zentrale von Selecta One in Stuttgart war, ging er in das nächstgelegene Blumengeschäft. Der Gartenbauexperte aus Afrika staunte nicht schlecht, als er dort das fertige Endprodukt mit den großen, prächtigen roten Blättern sah. „Ich kann verstehen, dass man dafür gern Geld ausgibt. Aber es ist schon seltsam: Bei uns bekommen wir nur die grünen Blätter der Mutterpflanzen zu sehen. Und von denen brauchen wir auch nur die Sprossen, die wir abschneiden und dann als Stecklinge auf dem schnellsten Weg versenden.“ Das geschieht ausschließlich auf dem Luftweg. „Ohne Luftfracht würde es unsere Farm nicht geben“, sagt Wilson Keter. In der Hochsaison verschickt Selecta One sechs Tage pro Woche Weihnachtsstern-Stecklinge von der Wagagai-Farm nach Europa, pro Saison etwa 55 Millionen Stück. Die Sprossen sind kleiner als ein Daumen und erinnern optisch eher an einen Zweig Minze als an die Topfpflanze, zu der sie sich entwickeln. Trotzdem kommen so bei Selecta One in Uganda jährlich 31 Tonnen Luftfracht zusammen. Direkt nach der Ernte, noch in den Gewächshäusern, packen die Arbeiter die Sprossen in extra isolierte Kartons. Nach kurzer Zwischenlagerung in den Kühlräumen der Wagagai-Farm werden die empfindlichen Pflanzenteile am selben Tag per Lkw zum nur 20 Kilometer entfernten Flughafen Entebbe gebracht.

Dort werden sie schließlich in die bei acht bis zwölf Grad Celsius wohltemperierten Frachträume eines Flugzeugs mit Destination Europa verladen.

WICHTIGER CARRIER: BRUSSELS AIRLINES

Ein wichtiger Carrier für Selecta One in Uganda ist Brussels Airlines. Der Kooperationspartner von Lufthansa Cargo fliegt die ehemalige ugandische Hauptstadt fast täglich mit Airbus A330-200 an. Seit September diesen Jahres übernimmt Lufthansa Cargo die Vermarktung der Frachtkapazitäten der belgischen Fluglinie, deren zahlreiche Linienverbindungen von Brüssel nach Zentral- und Westafrika das Netz des Fracht kranichs bereichern. „Brüssel ist ein sehr guter Hub für uns, denn von dort ist es nicht weit zu den Pflanzbetrieben in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden“, so Wilson Keter. An diesen Standorten werden sie von seinen europäischen Kollegen eingepflanzt und später rechtzeitig zur Weihnachtszeit im aus gewachsenen Zustand in die Geschäfte geliefert. Extreme Sorgfalt und viele Arbeitsschritte sind nötig, bis die Stecklinge schließlich geerntet werden können. Ein wichtiges Erfolgsrezept dabei: strengste Hygiene.

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Die Zucht der Mutterpflanzen erfolgt in Wagagai in einem speziell gesicherten und gleichzeitig perfekt belüfteten Gewächshaus. Wer Kittel, Handschuhe und Spezialschuhe angezogen hat, darf nach intensivem Händewaschen den Bereich betreten, die Pflanzen aber nicht berühren. Auch in den „normalen“ Gewächshäusern muss streng auf Hygiene geachtet werden, um Viren, Bakterien und Schädlinge draußen zu halten. „Es gibt Hunderte von Krankheiten, die unsere Pflanzen befallen könnten“, sagt Wilson Keter. Aber in Wagagai gibt es so gut wie nie Probleme, denn die Arbeiter werden umfangreich geschult, sodass jeder für Hygiene eintritt. Zudem sind in jedem Gewächshaus mehrere Spezialisten unterwegs, die auf die Einhaltung der Standards achten. „Wer bei der Hy giene konsequent ist, kann auf giftige Pflanzenschutzmittel weitgehend verzichten“, sagt Wilson Keter. „Wir sind hier vor bildlich unterwegs und haben uns die höchsten internationalen Umweltzertifikate nach MPSECAS- Standard erarbeitet.“

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Poinsettias, so der englische Name der Weihnachtssterne, werden bei Selecta One in Uganda vom Mai bis in den August in riesigen Gewächshäusern mit einer Gesamtfläche von 20 Hektar angebaut. In der Hochsaison sind auf der Farm 1.000 Arbeiter mit der Pflege der Pflanzen, der Ernte der Stecklinge und den dazugehörigen Arbeiten beschäftigt. „Poinsettias sind empfindliche Pflanzen. Es ist eine Fummelarbeit, die viel Geduld und Sorgfalt erfordert – und vor allem viele kundige Hände“, weiß Wilson Keter. Die im internationalen Vergleich niedrigen Arbeitskosten sind ein Grund, warum die Weihnachtsstern-Stecklinge in Afrika produziert werden. Der zweite wichtige Grund ist das Klima: Der Weihnachtsstern ist eine tropische Pflanze, die ursprünglich aus Mexiko stammt. In Uganda bieten sich optimale Bedingungen für die Mutterpflanzen, aus denen die Stecklinge sprießen. Das Land am Äquator liegt auf einer Hoch ebene und ist Anrainer des gigantischen Victoria sees, der sich 1.135 Meter über dem Meeresspiegel befindet. An seinen Ufern ist die Wagagai-Farm zu Hause, auf der seit 2006 Weihnachtssterne angebaut werden. Hier ist es weder zu heiß noch zu kalt, und an Süßwasser herrscht kein Mangel, um die Pflanzen stetig zu berieseln.

GUTE AUFSTIEGSCHANCEN.

GUTE AUFSTIEGSCHANCEN.

„Auch unter ökologischen Gesichtspunkten ist es sinnvoll, die Stecklinge in Afrika heranzuzüchten“, sagt Wilson Keter. „Der CO₂-Ausstoß, den beheizte Gewächshäuser in Europa produzieren würden, übersteigt bei Weitem den CO₂-Fußabdruck, den wir zurzeit durch den Transport der Stecklinge mit dem Flugzeug hinterlassen.“ Stolz strömt förmlich aus jeder Pore, wenn Wilson Keter von seiner Arbeit berichtet. In Kenia geboren und ausgebildet, wohnt der studierte Agraringenieur mit seiner Frau auf der Wagagai-Farm, die er jeden Morgen umjoggt, um fit zu bleiben. Wilson hat ein Händchen für Pflanzen, heißt es auf der Farm. Und für die Mitarbeiter. „In Wagagai gedeihen nicht nur Pflanzen, sondern auch Menschen!“, sagt Wilson Keter. Uganda mit seiner Bürgerkriegsvergangenheit gilt als eines der ärmsten Länder der Welt. Die Farm liegt obendrein in einer sehr ländlichen Gegend mit viel Armut und geringem Bildungsniveau. „Die Leute von hier können in der Regel nicht mit denen in den Städten konkurrieren“, weiß Wilson Keter.

„Da ist es toll zu sehen, wie sich die Menschen entwickeln, die bei uns anfangen zu arbeiten. Sie werden in ihren Familien immer wichtiger, weil sie für den Lebensunterhalt sorgen und dafür, dass ihre Kinder zur Schule gehen können. Sie übernehmen Schritt für Schritt mehr Verantwortung und nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Es gibt in Wagagai zahlreiche Beispiele dafür, wie jemand als Erntehelfer angefangen hat und heute Vorarbeiter ist oder sogar im Management arbeitet.“ Lohnenswert ist die Arbeit jedoch auch, weil das Produkt, das herauskommt, es wert ist, findet Wilson Keter. „Zu Weihnachten schenken viele Menschen einander Dinge, an denen sie schon nach kurzer Zeit das Interesse verlieren. Mir gefällt es, dass wir mit demWeihnachtsstern etwas Lebendiges produzieren, das nur einen Sinn hat: Freude zu vermitteln!“

 

Fotos: Allan Gichigi, Andrew Kartende

Planet 2/2018