„Alles im Kasten!“

PilotsEYE.tv begleitet die Auslieferung von Lufthansa Cargos fünfter Triple Seven. Bevor es Anfang Februar soweit ist, hat das Filmteam diese Woche im Boeing Werk in Everett rund um die D-ALFE gedreht.

Noch ist sie grau-grün schutzummantelt, noch fehlt ihr das strahlend lufthansaweiße Farbenkleid. Das linke Triebwerk entblößt den blanken Motor, im Cockpit verhüllen derbe Leinensäcke die Sitze. Doch der Schein trügt, es ist nur noch der Feinschliff, den eine Handvoll Techniker der Maschine im Boeing Werk in Everett nahe Seattle geben muss. Lufthansa Cargo’s fünfte Triple Seven ist so gut wie fertig und abholbereit. Am 11. Februar soll sie die Reise nach Frankfurt antreten und die Cargoflotte verstärken. Eine tragende Rolle spielt sie schon jetzt: die Hauptrolle im neuen PilotsEYE Film. Dafür haben Produzent Thomas Aigner und sein Filmteam vergangene Woche hinter die Kulissen des Boeing Werks geblickt. Auf dem Überführungsflug werden sie den Piloten von Lufthansa Cargo dann über die Schultern schauen und den Blick aus dem Cockpit einfangen.

Eine dieser uniformierten Schultern wird Manfred Schridde gehören. Der 49-Jährige ist technischer Pilot bei Lufthansa Cargo. Für den Flugbetrieb begleitet der stellvertretene Flottenchef nach den ersten vier auch diese vorerst letzte Flugzeugübergabe Anfang Februar. Doch jetzt steht „Manni“ Schridde erst einmal fachsimpelnd mit Boeing Chefpilot Gary Meiser vor der D-ALFE. Vom eindrucksvollen Inneren des Triebwerks über deren Schubkraft bis zu Treibstoffverbrauch und Reichweite erklären sie sich gegenseitig die Besonderheiten und Vorteile der 777F. Kameramann Claudio Capobianco hält drauf. Der Regisseur ist zufrieden: „That’s a wrap!“, ruft Thomas Aigner. „Alles im Kasten“, meint er damit. Kaum eine Szene muss wiederholt werden, alles sitzt, die Chemie stimmt. Denn Manfred Schridde und Gary Meiser kennen sich seit Jahren, vier Testflüge haben sie zusammen durchgeführt. „Im Cockpit lernt man einen Menschen sehr schnell sehr gut kennen. Ich bin froh, dass Manfred heute hier zusammen mit mir vor der Kamera steht, ich schätze ihn sehr“, betont der Boeing Repräsentant und nimmt Manfred Schridde mit auf einen Rundgang durch die Halle.

Cargo und Boeing machen Cockpit-Talk

Da der PilotsEYE-Filme ohne Sprecher „aus dem Off“ auskommen muss, soll das Gespräch zwischen den beiden Männern dem Zuschauer später die Produktionshalle erklären und die technischen Finessen der 777F näherbringen. Dabei sorgen kleine, extrem empfindliche Mikrofone am Sakkosaum dafür, dass die Piloten überhaupt zu hören sind. Denn ein permanenter Geräuschteppich liegt über dem geschäftigen Treiben in der Halle, an allen Ecken aus surrt, rauscht, klopft und hämmert es. Warm ist es in der 399 Millionen Quadratmeter großen Halle nur dank einer Million Lampen und rund 40.000 Mitarbeitern, die im Dreischichtbetrieb arbeiten. Eine Heizung gibt es nicht. Dafür neun Kantinen und diverse Cafés, die hinter grobmaschigen Absperrzäunen auf Kundschaft warten. Frischer Kaffeeduft liegt im Werk genauso selbstverständlich in der Luft wie der Geruch nach beißendem Lösungsmittel und heißem Metallspan.

An einem freistehenden Fahrwerk unterbrechen die Piloten ihren Weg. Wie ein großer, grauer Joystick ragt das Federbein in die Luft, endet im Leeren. Da die Konstruktion nicht in einen Flugzeugrumpf mündet, wirken die Reifen noch gigantischer als sie es ohnehin sind. Perfekte Drehkulisse! Plötzlich hupt es laut und durchdringend. Vor und hinter der Kamera zuckt die TV-Truppe zusammen, alle Köpfe legen sich in den Nacken. Ein leerer Hebekran fährt an Schienen unter der Decke entlang, um am anderen Ende der Halle seine Last aufzunehmen. Bis zu 35.000 Kilogramm können die Kräne im Boeing Werk durch die Lüfte transportieren. Damit die Bahn frei ist und niemand unter ihnen zu Schaden kommt, machen sie mit dem Hupen auf sich aufmerksam und räumen sich so den Weg frei. Zwei wild gestikulierende Mitarbeiter am Boden begleiten die laute Fahrt und scheuchen auch die letzten Unachtsamen aus der Schwenklinie.

Szenenwechsel: Die beiden Piloten sitzen im Cockpit und witzeln über die weißen Schuhüberzieher, die Boeing zum Schutz des Flugzeugs jedem Fuß anzieht, der den Innenraum betritt. „Hält unsere Maschine sauber“, freut sich Manfred Schridde. „Modisch und sehr effektiv“, ergänzt sein Konterpart augenzwinkernd. Dann muss es schnell gehen, nur 30 Minuten sind für den Dreh in der Pilotenkanzel angesetzt. „Wenn ihr schwitzt, tupft euch mit einem Taschentuch ab, damit ihr nicht glänzt“, bittet Thomas Aigner. Die elektronischen Geräte im halbfertigen Cockpit strahlen viel Wärme ab, noch läuft hier keine Klimaanlage. Links nimmt die Cargo Platz, rechts Boeing. Zwischen den beiden Männern schlängeln sich zwei dicke orangefarbene Kabel über die Instrumente: „Alles Orangene, was du hier siehst, gehört zum Testequipment“, erklärt Meiser. „Mit diesen beiden dicken Kabeln checken wir zum Beispiel die ,flight control‘ Funktionalität.“ Dann sprechen die beiden „Flugzeug“, nehmen die technischen Details und Instrumente mit Worten auseinander.

„Ich habe den Auftrag, nur Top-Qualität abzuholen“

Daumen hoch, Klappe zu und weiter geht’s: Jetzt steht Manfred Schridde zusammen mit seinem Lufthansa Kollegen Markus Löhn auf dem Besucher-Balkon. Neben ihnen eine japanische Reisegruppe, hinter ihnen die Kamera, unter ihnen die „Moving Line“. „An insgesamt fünf Stationen nehmen die Flugzeuge hier Stück für Stück Gestalt an“, erklärt Markus Löhn – scheinbar seinem Kollegen, eigentlich dem späteren Zuschauer. Als ständiger Repräsentant des Konzernflottenmanagements betreut Markus Löhn zusammen mit dem Lufthansa Technik-Team jedes Kranich-Flugzeug – von der ersten Schraube bis zum letzten Testflug. Im Dreischichtbetrieb besetzen die Mitarbeiter die U-förmige Produktionskette. Das ist effizient: „Alle zweieinhalb Tage verlässt eine Triple Seven die Halle – und das nächste Flugzeug rückt auf die freigewordene Arbeitsposition nach.“

Unter der Produktionsnummer 1.274 hat Lufthansa Cargos Maschine den Weg durch die „Moving Line“ bereits hinter sich gebracht, steht allerdings noch immer in der Halle. Der amerikanische Flugzeughersteller bessert die letzten kleinen Mängel aus, die Lufthansa als anspruchsvoller Kunde kurz vor Kauf beanstandet. „Bis zu 200 Fälle können das sein; meist Kleinigkeiten, die keinen Einfluss auf das Fliegerische haben. Aber ich habe den Auftrag, nur Top-Qualität abzuholen“, erklärt Manfred Schridde.

Mit neuem Flieger und Salatsoße Richtung FRA

Mehr als zehn Mal sei er für Lufthansa bereits hier in Everett bei Boeing gewesen, erzählt der technische Pilot am nächsten Tag der Kamera. Dabei schweift sein Blick in Richtung der gigantischen Werkshalle, in der gestern gedreht wurde und die heute als Hintergrundkulisse fungiert. Eine beeindruckende Kulisse, umrahmt von schneebedeckten Bergen, flankiert von zahlreichen Flugzeugen verschiedener Airlines, die auf Testflüge oder Käufer warten. Um dieses Bild einzufangen, hat sich Thomas Aigner heute ein Hoteldach direkt an der Flight Line als Drehort ausgesucht. Unter dem strahlend blauen Himmel von Everett soll Manfred Schridde seinen Gedanken freien Lauf lassen – und Sätze vervollständigen. „Bei der Abholung … ist Teamgeist gefragt. Nur wenn wir zusammenarbeiten wird es eine runde Sache.“ Oder: „Nach der Abholung … bin ich zufrieden, wenn die Maschine sauber läuft und in Frankfurt gute Arbeit verrichtet.“ Und schließlich:  „Meine Frau freut sich, wenn ich nach Seattle fliege, weil … ich ihr dann immer Hershies Schokolade mit Mandeln und Caesars Salad Salatsoße mitbringe. Ich muss immer eine ganze Einkaufsliste abarbeiten.“

Mit diesen und anderen Versatzstücken wird Thomas Aigner später seinen Film spicken und den Cockpitflug auflockern. Doch erst einmal heißt es „Schluss für heute!“, dichter Nebel zieht von Süden über den Vulkan Mount Rainier Richtung Boeing Factory. Nur Minuten später wabert er bereits um das Hoteldach. „Typisch für diese Gegend“, weiß Manfred Schridde. „Einmal haben wir unser eigenes Flugzeug auf dem Vorfeld nicht mehr gefunden…“ Oft könnten auch die Testflüge aufgrund schlechter Sichtverhältnisse nicht durchgeführt werden. Dann verzögere sich alles in der eng getakteten Endabnahmephase. Doch er sei zuversichtlich: „Am 11. Februar holen wir unsere fünfte Triple Seven nach Hause.“