„Scharf auf Franky“

Als aus Dino Franky wieder der Mensch Martin Michler wird, braucht der erst einmal Hilfe, um sich aus dem orange-violetten Kostüm aus Plaste, Schaumgummi und Jeans-Stoff zu befreien.

Die Stunde als Dino hat ihre Spuren hinterlassen. Das rot-weiße Schweißband, das sich Martin Michler vorsorglich um die Stirn gebunden hatte, bevor er Franky wurde, kann er auswringen. Die Haare kleben, sein olivgrünes T-Shirt ist klatschnass. Er selbst vollkommen ausgepowert. Draußen im Freien sind es an diesem Sonntag gut 26 Grad. Drinnen im Kostüm gefühlte 50 Grad. Aber Martin Michler will das ja so. Von Montag bis Freitag beschäftigt er sich als Mitarbeiter im Projekt Management Office von LCCneo mit finanziellen und terminlichen Risiken für das neue Cargo Center seines Arbeitgebers Lufthansa Cargo. Am Wochenende, wenn Game-Day ist, tänzelt er vor den Zuschauern auf der Haupttribüne und darf das Maskottchen geben für Frankfurt Universe.

Universe sind die Nachfolger der legendären Frankfurt Galaxy, die in der NFL Europa – dem europäischen Ableger der National Football League NFL – vor bis zu 40.000 Fans in der CommerzbankArena spielten. 2007 dann die Einstellung des Spielbetriebs – die US-Geldgeber hatten über Nacht den Geldhahn zugedreht. Flog das Galaxy-Team noch nach Barcelona, Glasgow oder Amsterdam, fahren die Universe-Kicker heute im Bus nach Kirchdorf in Niederbayern, Holzgerlingen im Landkreis Böblingen oder nach Ravensburg am Bodensee. Denn die Universe spielen „nur“ in der GFL2, der 2. Deutschen Football League, – obwohl sie nach ihrer Gründung schon dreimal aufgestiegen sind.

Doch die Trikots sehen aus wie die der Galaxy, das Kassen-Zelt stammt noch von den Profis, die Hüpfburg für die Kinder auch – und vor allem das Kostüm für Franky den Dino. Franky gab es als Maskottchen schon bei den berühmten Galaxys, als Martin Michler noch als Fan und Dauerkarten-Inhaber auf der Tribüne die Daumen drückte und davon träumte, einmal in die Rolle des Maskottchens schlüpfen zu dürfen. Als er dann Ende 2007 zusammen mit gut 500 Edel-Fans den Galaxy-Nachfolger aus der Taufe hob, war er „ganz scharf, den Franky zu machen“.

Franky war und ist eine Institution. Er ist Spaßvogel, Clown und Stimmungsmacher, er dirigiert die Fans beim Gesang auf der Tribüne, tanzt mit Jugendlichen über die Laufbahn, posiert mit Kindern vor der Kamera ihrer Eltern, lässt sich gemeinsam mit einem Mann von der Security mit dessen Handy fotografieren und führt schließlich unter dem Gejohle der 1.250 Zuschauer die Mannschaft aufs Feld. Frankys Trikot hat die Rückennummer 12. „Franky“, sagt Martin Michler, „ist der personifizierte zwölfte Mann der Mannschaft.“ Er gehört zum Team, das wie im Fußball elf Spieler auf dem Feld hat. Als er an diesem Sonntag im Lokalderby gegen die Frankfurt Pirates auf der Ladefläche eines natürlich orange-lila lackierten Pick-up ins Stadion gefahren wird, tobt dort der Bär. Franky das Maskottchen gehört zum Spielbetrieb beim Football genauso dazu wie die Cheerleader. Die Zuschauer wissen nicht, wer sich unter Franky versteckt. Sie wollen und sollen es auch nicht wissen. Franky ist eben Franky, ein Dino, das Maskottchen. Martin Michler hätte sich öffentlich auch nicht geoutet, wenn seine „Laufbahn“ als Franky im Grunde nicht schon beendet wäre. 2012 hat der Lufthanseat Michler nämlich nach vier Jahren aufgehört, das Maskottchen zu sein. Damals wurde er als stellvertretender Schatzmeister in den Vorstand des AFC Universe Frankfurt gewählt, fungierte weiter als Helfer-Koordinator für die über 70 Freiwilligen, die bei den Heimspielen das Catering übernehmen, Fan-Artikel verkaufen oder an der Kasse sitzen, ist Mädchen für alles und damit voll ausgelastet.

Franky ist er seitdem nur noch, wenn Not am Mann oder der Frau ist, wenn Herr oder Frau Franky ausfällt. Wer jetzt Franky spielt, verrät Martin Michler nicht. Er fand es „faszinierend, jemanden zu spielen, ohne erkannt zu werden“. Dabei soll es auch bleiben. Die Frage, ob er nie selbst daran gedacht hat, Helm und Schulterpolster zu tragen, beantwortet er ohne Zögern: „Ich habe nie darüber nachgedacht. Ich war immer Fan.