Wo liegt eigentlich Tucumán?

Für Kunden fliegt Lufthansa Cargo flexibel Saisonziele an. Die Ziele sind manchmal auch für unsere Piloten ganz neu. Senior First Officer Tim Holderer berichtet von seinem Erstflug an den Fuß der Anden.

Der erste Flug zu einem neuen Flughafen ist für jeden Piloten ein besonderes Erlebnis. Noch dazu, wenn es sich dabei nicht um einen international bekannten Großflughafen handelt, sondern erst mal der Finger auf dem Globus auf die Suche gehen muss. Auch ich freute mich, als in meinem Dienstplan für Oktober der Drei- Letter-Code TUC auftauchte. Eine schnelle Internetrecherche ergab, dass es sich dabei um „Tucumán“ in Argentinien handelte, und ein Blick auf die Karte verriet schließlich die genaue Position: ganz im Westen, am Fuße der Anden. Dazu passte auch die geplante Flugzeit von knapp drei Stunden, denn starten sollte der Flug von unserem Drehkreuz Campinas in Brasilien. Dort erfuhren wir auch nach unserer Ankunft aus Dakar am Vortag, welche besondere Fracht uns erwarten würde: Blaubeeren.

Nicht nur die Fracht war auf ihre Weise etwas Besonderes, sondern auch schon die Route an sich. Denn bereits während der Flugvorbereitung stellte sich heraus, dass uns nicht nur unser Ziel mit einer atemberaubenden Kulisse empfangen würde, sondern auch schon der Weg dorthin mit einer Sehenswürdigkeit aufwarten konnte: den Iguaçu-Wasserfällen. Und so überflogen wir knapp eine Stunde nach dem Start in Campinas das Dreiländereck von Brasilien, Uruguay und Argentinien. Jedem Flug geht eine gründliche Vorbereitung voraus. Ist es ein Erstflug, fällt diese noch umfangreicher aus: Kartenstudium von Route und Zielflughafen (hier interessieren uns vor allem das Gelände wie Hindernisse, die Flughafeninfrastruktur und Navigationshilfen), Wetterphänomene und operationelle Besonderheiten. Dabei helfen uns die Informationen des Operations Support Teams im Flugbetrieb, die Informationen der Stationen und von Kollegen zusammentragen, die schon mal dort waren.

In TUC erwartete uns dann neben zahlreichen Paletten mit Blaubeeren – insgesamt rund 50 Tonnen – auch unser „Argentinien-Chef“ Marcos Koenig mit seinem Team. Er berichtete, dass wir bereits die zweite Crew seien, die nach Tucumán gekommen wäre. Und das auf historischem Grund: In der Hauptstadt von Argentiniens kleinstem Bundesstaat, der auch „Garten der Republik“ genannt wird, wurde 1816 die Unabhängigkeit erklärt. Von wirtschaftlicher Bedeutung ist vor allem der Export von Früchten, was TUC immerhin zum zweitgrößten Frachtflughafen Argentiniens macht. Gemeinsam mit einem unserer Hauptkunden hat das Team deshalb die direkte Anbindung nach Frankfurt entwickelt. Zuvor haben andere Airlines die Blaubeeren zwischen Oktober und Dezember immer über Miami nach Europa transportiert. Die Flüge über Viracopos und Dakar im Herbst 2013 waren deshalb ein wichtiger Meilenstein. Beeindruckt waren die Kunden, aber auch die Behörden vor Ort von der Pünktlichkeit und Qualität, die Lufthansa Cargo bietet. TUC ist damit nach Buenos Aires Ezeiza (EZE) auch erst der zweite Flughafen in Argentinien, den Lufthansa Cargo seit 1995 ansteuert. Auch intern kam das Projekt gut an, erklärte Marcos Koenig. Er beschrieb den Flug als echtes Meisterwerk der Koordination. Das war notwendig um, die Logistik mit Sales, Handling und Operations in so kurzer Zeit in TUC erfolgreich zu etablieren. Davon konnten wir uns als Crew auch während der zweistündigen Bodenzeit überzeugen, die mit einem pünktlichen Abflug Richtung Campinas endete. Eine kleine Kuriosität war noch, dass wir einreisen und im gleichen Atemzug wieder ausreisen mussten. Wohl eine behördliche Formsache – aber nicht ganz ungewöhnlich und dank des freundlichen Einreisebeamten schnell erledigt. Auch war der Weg nicht weit, denn unsere MD-11F war neben einem kleinen Passagierflugzeug, das kurze Zeit nach unserer Ankunft ablegte, das einzige größere Flugzeug auf dem überschaubaren Vorfeld.

Der Flug zurück führte uns wieder über die argentinische Pampa und die Iguaçu-Wasserfälle zurück zum Flughafen von Viracopos. Dort warteten bereits unsere Kollegen darauf, den Flieger zu übernehmen, sodass die Blaubeeren vermutlich keine zwei Tage später in den Supermarktregalen bereitlagen. TUC sollte nicht das einzige Saisonziel bleiben. Zum wiederholten Mal standen chilenische Früchte, vor allem Kirschen, aus Santiago de Chile (SCL) – rekordverdächtige zehn Zusatzflüge – sowie Mangos aus Petrolina, einer von Landwirtschaft geprägten Metropole im Nordosten Brasiliens, auf dem Flugplan. Die Reise nach Tucumán hat sich jedenfalls gelohnt: für unsere Kunden, für unser Geschäft, aber auch für uns Piloten, die wir ein weiteres fliegerisches Highlight in unseren Logbüchern vermerken können.