„Du brauchst jeden Einzelnen“

Cargo Lufthanseat Franz Wilhelm beweist nicht nur im Job Teamgeist

Joe Flacco ist 1,98 Meter groß, 111 Kilogramm schwer und Quarterback bei den Baltimore Ravens. Er ist 28 Jahre alt und verdient mehr als 20 Millionen US-Dollar im Jahr. Franz Wilhelm ist 1,80 Meter groß, 84 Kilo schwer und Wide Receiver bei den Starnberg Argonauts. Er ist 20 Jahre alt und hat sich Helm, Schulterpolster und die Football-Schuhe selbst gekauft. Sein Geld verdient Wilhelm bei Lufthansa Cargo. In München macht er eine Ausbildung zum Kaufmann für Speditions- und Logistikdienstleistungen.

Ob Flacco glücklich ist, weiß Franz Wilhelm nicht. Wilhelm selbst fühlt sich pudelwohl, was nicht zuletzt an seiner Begeisterung für American Football liegt. Auch wenn er nicht in der legendären amerikanischen Football-Liga NFL spielt, sondern „nur“ in der zweiten Deutschen Football League – und dafür auch noch zahlen muss.
Immerhin: Ins Programmheft der Frankfurt Universe hat es Franz Wilhelm umsonst geschafft. Die Universe, gegründet von Fans des legendären Profi-Football-Teams Frankfurt Galaxy, empfangen an diesem Sonntag die Starnberg Argonauts. Auf Seite 5 steht, dass Wilhelm die Nummer 41 trägt und ein sogenannter Wide Receiver ist – einfach ausgedrückt ein Fänger. Er soll die Pässe des Quarterbacks (Spielmacher) vom Himmel pflücken und sich möglichst weit Richtung Endzone des Gegners durchkämpfen.

Das Spiel ist für 15 Uhr angesetzt. Als der Bus aus Starnberg vorfährt, ist es kurz nach 13 Uhr. Flacco wäre sicher mit dem Flugzeug gekommen. Doch Cargo Lufthanseat Wilhelm ist mit seinen 36 Mitspielern am Sonntagmorgen um 6.30 Uhr in Starnberg in den Bus gestiegen. Der Flieger wäre für die Truppe unbezahlbar – und auch eine Übernachtung in Frankfurt zu teuer. Wilhelm steigt als einer der letzten aus. Über der Schulter hängt die Sporttasche. In einer Hand hält er den Helm samt Shoulder Pads, den Schulterpolstern, die einen Football-Spieler stets gewaltiger aussehen lassen als unsereins. In der zweiten Hand trägt er das Netz mit den Bällen. Das ist traditionell der Job des Jüngsten einer Mannschaft. Obwohl Wilhelm mit seinen 20 Jahren nicht mehr der Benjamin ist, gibt er weiterhin gern den Balljungen: „Einer muss die Bälle doch tragen.“ Dabei klingt er eher selbstbewusst als verlegen.

Es ist seine erste richtige Saison bei den Senioren. Im vergangenen Jahr hat er nur drei Partien mitgemacht, weil er nach dem Abitur herumgereist ist und in Costa Rica für zwei Monate einen Spanischkurs belegt hatte. Von der zweiten Fremdsprache neben Englisch will er bei Lufthansa Cargo profitieren.

In diesem Jahr möchte der 20-Jährige durchstarten. Das wird nicht einfach, denn sein Team ist in die zweite Liga frisch aufgestiegen. Dennoch ist Ludwig Kastenmaier, Präsident des Vereins und Mädchen für alles, überzeugt, dass Franz Wilhelm seinen Weg geht. „Er arbeitet akribisch, ist ehrgeizig und antizipiert schnell neue Spielzüge“, sagt Kastenmaier. Kastenmaier kennt Wilhelm seit dessen ersten
Spielen in der Jugend. Mit 15 polsterte sich Wilhelm zum ersten Mal die Schultern, setzte den Helm auf und stürzte sich ins Getümmel. Ein Kumpel hatte ihn damals mit zum Training genommen. Es habe vom ersten Tag an Spaß gemacht, erzählt er, vor allem, weil Football ein Team-Sport ist: „Du brauchst jeden einzelnen Spieler, um als Mannschaft erfolgreich zu sein.“ Dabei sieht Franz Wilhelm durchaus Parallelen zu seiner Arbeit bei Lufthansa Cargo.

Football sei auch Kollisionssport, sagt Wilhelm. Das ist eine schöne Umschreibung für den verbissenen Kampf ums Ei. Wenn sich auf dem Feld zehn oder mehr Leiber dorthin stürzen, wo das Spielgerät ist, hört man es bis zur Tribüne hin krachen. „Das gehört dazu“, sagt Franz Wilhelm ganz cool. 16 Minuten dauert es, bis er angezogen ist. In eine Art Unterhose werden fünf Schaumstoffpolster gesteckt: Jeweils zwei für Oberschenkel und Hüfte, eines für das Steißbein; zwei weitere Polster für die Knie kommen dann in die eigentliche Spielhose. Es folgen Stutzen, die Schuhe, das Korsett für die Schultern und schließlich der Helm. Allein für den hat Wilhelm 350 Euro investiert.

Dafür hat er seine bisherige Football-Karriere auch nahezu unbeschadet überstanden. Während der Ausbildung bei Lufthansa Cargo, betont er, habe er verletzungsbedingt keinen einzigen Tag gefehlt. Wilhelm lernt dabei, auch Niederlagen zu verdauen: Das Spiel gegen die Frankfurt Universe geht am Ende mit 6:26 verloren. Neulinge haben es eben nicht leicht.