Übersteiger

…und Tor – oder kein Tor? Bei der WM 2014 in Brasilien könnte die Technik der deutschen Firma GoalControl die Antwort darauf geben. Beim Confed Cup im Juni hatte das aufwendige System seine Generalprobe. DB Schenker und Lufthansa Cargo transportierten die Torlinientechnik


Drin oder nicht drin? Diese Frage stellt sich in diesem Fall zum Glück nicht: In den Kisten, die unter Regie von DB Schenker Anfang Mai in sechs Lufthansa Cargo Maschinen verladen wurden, war sie drin, die Revolution des Weltfußballs. Das Ziel der Fracht: Rio de Janeiro – dort hat das GoalControl-System zum Confed Cup ein neues Fußballzeitalter eingeläutet.     

Den Anstoß zu dieser Revolution gaben, wie es sich für diese Sportart gehört, zwei Männer aus dem Mutterland des Fußballs – wenn auch unfreiwillig: Mit seinem „Wembley-Tor“ im Weltmeisterschaftsfinale 1966 löste der Engländer Geoff Hurst einen inzwischen fast 50 Jahre währenden hitzigen Disput darüber aus, ob der Ball von der Latte auf oder hinter die Torlinie gesprungen war. Doch den Ausschlag darüber, diese Entscheidung nicht mehr dem Auge des Schiedsrichters allein oder gar dem Zufall zu überlassen, gab wohl erst die Fußball-Weltmeisterschaft 2010. Achtelfinale. Wieder spielt Deutschland gegen England. Und wieder trifft ein Engländer die Unterkante der Latte. Es ist Frank Lampard, dessen Fernschuss in der 38. Minute von der Latte nach unten abgelenkt wird. Doch obwohl der Ball diesmal eindeutig hinter der Torlinie aufspringt, verwehrte das Schiedsrichtergespann dem Spieler des FC Chelsea seinen Treffer. Der Ausgleich wird nicht gegeben, stattdessen gehen die Engländer mit 1:4 unter und scheiden aus.

Um solche Fehler künftig zu vermeiden, setzt der Fußball-Weltverband FIFA nun erstmals auf den bislang umstrittenen Einsatz technischer Hilfsmittel zur Ergänzung von Schiedsrichterentscheidungen. Im April 2013 bekam die GoalControl GmbH den Zuschlag der FIFA für den Confed Cup. Das Kurzturnier diente als Testlauf für die Weltmeisterschaft 2014 und wurde vom 15. bis zum 30. Juni in Brasilien ausgetragen. Die Überraschung, dass der Zuschlag an den deutschen Anbieter ging, war groß – auch bei Dirk Broichhausen, Geschäftsführer von GoalControl. Seine Firma galt neben den internationalen Konkurrenten als Außenseiter und wurde vom Weltverband erst wenige Wochen vor der Entscheidung als Bewerber zugelassen. „Zeitgleich mit der großen Freude über die positive Entscheidung wurde mir klar, dass nun eine große logistische Herausforderung gemeistert werden muss“, erinnert sich Broichhausen und lacht. Denn die 20 bis 25 Kubikmeter Technik die pro Stadion verbaut werden, mussten binnen kürzester Zeit nach Brasilien verfrachtet werden, um pünktlich zum Confed Cup im Juni einsatzbereit zu sein.

Broichhausens bis zu 80-köpfiges Team war zum Teil in Deutschland und wochenlang in Brasilien im Einsatz, um die Technik in den sechs Stadien zu installieren. „Ein echter Zusatznutzen von GoalControl-4D sind sogenannte TV-Replays, die optional das Tor- beziehungsweise Nicht-Tor- Geschehen für die Fernseh-Zuschauer faszinierend aufbereiten und zeigen können“, erklärt Broichhausen die weiteren Vorzüge seines Systems. Doch inwieweit die FIFA dieses Potenzial auch tatsächlich ausschöpfen möchte, steht noch nicht fest.

Um sicherzugehen, dass die sensible Technologie pünktlich für die Montage in den sechs brasilianischen Stadien bereitstand, verließ sich Broichhausen auf die Logistikexperten von DB SCHENKERsportsevents. Neben den Kameras galt es, auch Kabel, Werkzeuge, die Funkuhren der Schiedsrichter und weiteres Zubehör schnellstmöglich nach Brasilien zu befördern. „Die größte Herausforderung war der extrem kurze Zeitrahmen“, erinnert sich Marc Schäfer, Leiter des Soccer Competence Centers bei DB SCHENKERsportsevents. „Zwischen der Abholung aus Würselen im Rheinland und der geplanten Anlieferung im Stadion lagen zum Teil nur neun Tage.“ In der Zwischenzeit wurden die einzelnen Packstücke für den Lufttransport sicher und geschützt in Holzkisten verstaut, per Lkw abgeholt, verzollt, nach Rio geflogen und anschließend auf dem Landweg an die Stadien verteilt. Zum Beispiel nach Fortaleza, das 2.800 Kilometer von Rio entfernt an der Nordostküste Brasiliens liegt. „Normalerweise ist die Importverzollung in Brasilien sehr zeitintensiv. Das hätte unser Timing gefährden können. Aber dank vorangegangener Absprachen mit den Zollbehörden und der FIFA haben wir es geschafft, das scheinbar Unmögliche möglich zu machen und die Fracht rechtzeitig ans Ziel zu bringen.“

Gemeinsam mit Lufthansa Cargo gelang es Schäfer und seinem Team, 60 Kisten mit insgesamt rund 23 Tonnen und 140 Kubikmetern Transportgut auf sechs Flügen sicher ans Ziel zu bringen. „Bei diesen Dimensionen und einem so engen Zeitplan muss man sich auf alle seine Partner verlassen können“, sagt Schäfer, während er zufrieden die Verladung der letzten Sendung beobachtet. Für ihn ist dieser Transport etwas Besonderes. „Schließlich bewegen Torentscheidungen nicht nur Spieler, Schiedsrichter und FIFA, sondern auch Millionen Fußballfans.“ Auch Hartwig Schülein, Lufthansa Kapitän auf dem A340, freute sich über die besondere Fracht, die er an diesem Abend auf seinem Flug nach Rio an Bord hatte. „Ich bin gespannt, welche Diskussionen im nächsten Jahr bei der Weltmeisterschaft durch diese Technik überflüssig werden und wünsche unserer Nationalelf ein erfolgreiches Turnier. Wenn wir schon die Torlinientechnik aus Deutschland liefern, sollten wir auch den Pokal mit zurücknehmen.“

Ob GoalControl tatsächlich 2014 in Brasilien seine WM-Premiere feiern kann, wird derzeit entschieden. Eines steht aber bereits fest: Wenn die FIFA grünes Licht gibt, dann wird Dirk Broichhausen nach dem Jubel schnell wieder in die Planungen einsteigen. Denn bei der WM werden es dann zwölf statt nur sechs Stadien sein, die auf GoalControl warten. Aber dann weiß der Fußballrevolutionär bereits, dass er sich auf sein starkes Team verlassen kann.