Zurück auf die Schulbank

Die ersten Kapitäne werden für die „Triple Seven“ fit gemacht

Ihr Tagesrhythmus wird von einem Stundenplan bestimmt. Gelernt wird in „Classroom-Instructions“. Und einen Lehrer gibt es natürlich auch. Wenn Manfred Schridde morgens noch mal schnell seine Frau in Deutschland anruft, dann verabschiedet er sich gerne mit dem Hinweis: „Ich muss jetzt Schluss machen, ich muss zur Schule.“

Manfred Schridde (47) und sein gleichaltriger Kollege Reinhart Stuhlmacher sind gestandene Flugkapitäne – und drücken trotzdem noch einmal die Schulbank. Die Schule steht im Gewerbegebiet von Crawley, zehn Auto-Minuten vom Londoner Flughafen Gatwick entfernt, und ist das Boeing Training & Flight Services Center. Der Lehrer, John Fitch, ist ein englischer Gentleman wie aus dem Bilderbuch und Ex-Pilot von British Airways. Sechs Wochen lang schickt Fitch seine Schüler durch Nebel oder Wolkenbrüche, lässt eines von zwei Triebwerken in Brand geraten oder zwei Reifen am Hauptfahrwerk platt werden. Dann müssen die Schüler zeigen, wie sie mit der Situation im neuen Flugzeug fertig werden. Zwar sind Schridde und Stuhlmacher seit über 20 Jahren Piloten und beide seit 13 Jahren Kapitän auf der MD-11F, doch die Maschinen unterscheiden sich so grundlegend, dass ein fliegender Wechsel von einem Cockpit ins andere nicht möglich ist. „Das ist so“, erläutert Manfred Schridde, „als steigst du von Audi auf Mercedes um. Beide Autos haben ein Lenkrad vor dem Fahrersitz und das Gaspedal unten rechts, alles andere ist komplett verschieden: Die Lage der Fensterheber, die Bedienung des Navigationsgeräts, der Klimaanlage oder der heizbaren Heckscheibe.“

Trainiert wird zunächst im Simulator. Der kann fast alle Situationen nachstellen, die in der Realität denkbar sind. „Wir müssen nicht wirklich fliegen, um das Gefühl für das Flugzeug zu bekommen“, sagt Kapitän Stuhlmacher. Das Training im Simulator ist umweltverträglicher, weil kein Kerosin verbrannt wird. Es ist wirtschaftlicher, weil kein Flugzeug aus dem Produktionsprozess rausgenommen werden muss. Und es ermöglicht das Training von Extremsituationen, die man sich im echten Flug nicht vorstellen möchte. Es ist 11.30 Uhr an diesem Mittwoch. Vier Stunden lang hat John Fitch seine Schüler mit immer neuen Gefahrensituationen konfrontiert. Gemeinsam waren allen Trainingseinheiten zwei Hauptthemen: Plötzlicher Druckabfall im Cockpit mit sofortigem Notabstieg (rapid descent) sowie Landungen bei Seitenwind. Der kommt mal frontal von links oder rechts, mal schräg von vorne oder als Böe halb von hinten. Als John Fitch nach vier Stunden den Simulator abstellt, ist Manfred Schridde schweißgebadet. Auch Reinhart Stuhlmacher steht die Anstrengung ins Gesicht geschrieben. „Wir haben in dieser Simulator-Schicht jeder sechs Landungen hingelegt“, sagt Schridde, „das schlaucht psychisch und physisch.“ Dennoch sind beide zufrieden: „Das lief heute schon ganz gut.“

Doch der Tag ist noch nicht vorbei. Im Hotelzimmer geht die Arbeit häufig weiter. Schridde und Stuhlmacher leisten Pionierarbeit. Da sie zu den ersten Lufthansa Cargo Piloten gehören, die auf der „Triple Seven“ ausgebildet und zu Ausbildungskapitänen weiterqualifiziert werden, überarbeiten sie auch die Original Boeing-Versionen der Betriebs- und Trainings-Handbücher auf die speziellen Anforderungen der Kranich-Tochter hin. Das heißt, 3.000 Seiten zu durchforsten, vieles zu streichen, manches umzuschreiben und anderes zu ergänzen. Zimmer 7303 und 7305 des Flughafenhotels sehen dann auch aus wie eine kleine Fachbibliothek, ergänzt um eine Laptop-Sammlung.

Warum tun sich gestandene Kapitäne das noch einmal an? Reinhart Stuhlmacher spricht vom „Reiz der Pionierarbeit, eine Flotte aufzubauen“. Für Manfred Schridde ist es „eine Herausforderung, nach 13 Jahren auf der MD-11F etwas Neues zu machen: Ich brauche den Tapetenwechsel“. Beiden fällt der Abschied von der „Elf“ nicht leicht, weil „das ein tolles Flugzeug ist“. Doch Stuhlmacher sagt auch, „die Ausbildung zum Ausbilder auf der 777F ist noch spannender, als ein geliebtes Flugzeug weiter zu fliegen.“ Und Manfred Schridde hofft, dass sich bewahrheitet, was Piloten-Kollegen über die „Triple Seven“ behaupten: „It’s a lovely airplane.“