Winter Operations in der gefrorenen Stadt – oder: So geht Winter!

Wie unsere Cargo-Kollegen im sibirischen Krasnojarsk bei Eiseskälte arbeiten

Die Menschen in Krasnojarsk sind klirrende Kälte im Winter gewohnt. Diesmal ist die Stadt in Sibirien jedoch noch tiefer gefroren als sonst. Wasserleitungen platzen. Autos werden mit laufendem Motor geparkt, sonst würden sie nicht mehr anspringen. Temperatur: Bis zu minus 47 Grad! Doch selbst wenn der Thermometer Richtung 50 Grad absacken sollte. „Unsere Aufgabe ist es, den Betrieb hier unter allen Umständen am Laufen zu halten“, betont Stationsleiter Arto Nieminen. Dafür sorgt er mit seinem achtköpfigen Team und tatkräftiger Unterstützung von fünf Ingenieuren der Lufthansa Technik.
Eigentlich wollte Nieminen nur ein halbes Jahr bei Lufthansa bleiben. „Ich hatte 1970 die Wahl, zur Armee zu gehen oder für sechs Monate in der Frachtabfertigung in Frankfurt zu arbeiten“, erzählt der Finne. Nieminen entschied sich für die Fracht  - und ist ihr bis heute treu geblieben. Seit 2009 leitet er die im Winter wohl eisigste aller Stationen im Streckennetz von Lufthansa Cargo - rund 6000 Kilometer von Frankfurt entfernt.

Zwar dient die Station als reiner Zwischenlandepunkt nach und von Asien. Dennoch gibt es in Krasnojarsk viel zu tun: Insgesamt 31 Flüge pro Woche fertigt die Station ab. Hier werden Maschinen betankt, Crew-Wechsel sichergestellt und die Papier-Bürokratie mit den russischen Zollbehörden erledigt. Zudem sorgt Nieminens Team für die Bereitstellung und Wartung aller Bodengeräte in Krasnojarsk. Im Sommer bildet die Station ebenfalls die Flughafenmitarbeiter für die Enteisung der MD-11 aus. Bevor die große Kälte kommt, muss die Station vor allem dafür Sorge tragen, dass genügend Enteisungsflüssigkeit zur Verfügung steht. In diesem Winter sind die Enteiser gefragt wie nie: “Allein im November und Dezember 2012 haben wir so viel Flüssigkeit verbraucht wie im gesamten Winter 2011“, sagt Maxim Reprintsev, Teamleiter Operations.

Dann geht es raus aufs Vorfeld. Abflug und Ankunft der nächsten MD-11 stehen auf der Agenda. Das Thermometer zeigt 37 Grad Minus, es weht ein eisiger Wind. Auf dem Vorfeld herrscht reger Betrieb: Räumfahrzeuge befreien den gefrorenen Beton von Schnee und Eis. LKW donnern über das Vorfeld, um die zusammen geschobenen Schneemassen abzutransportieren. Ein Schlepper schiebt gerade die startbereite „Charlie November“ von Ihrer Parkposition. Kurz darauf trifft bereits die „Charlie Delta“ ein und rollt auf ihre Position.

Sogleich beginnt Station Engineer Ralf Augspurger mit dem Arrival Check und nimmt per Headset Kontakt zum Kapitän auf, um mögliche technische Probleme in Erfahrung zu bringen. Die Bodencrew eilt zur gleichen Zeit mit einem Heizgerät heran, um das Federbein des Bugfahrwerks zu wärmen. „Aufgrund der Kälte gab es in der Vergangenheit Probleme mit einigen Dichtungen im Fahrwerk, sodass Öl auslief“, erklärt Augspurger die Prozedur. Auch die sogenannte APU (Auxiliary Power Unit), die zentrale Systeme der MD-11 bei ausgeschalteten Triebwerken mit Strom versorgt, könne bei solchen Temperaturen ausfallen. In diesem Fall müssen auch Cockpit und Laderaum mit einem Heizgerät auf Temperatur gehalten werden. Augspurger muss für Arbeiten an der Maschine nicht selten seine Handschuhe ablegen - kein Spaß bei minus 37 Grad.

Nach dem Crew-Wechsel begutachtet der Kapitän besonders genau die Stellen, die anfällig für Vereisungen sind. Dazu zählen die Tragflächen, aber auch die Innenseiten der Triebwerke und die Triebwerksschaufeln. Schnell ist klar: „Charlie Delta“ muss enteist werden. Zwei Enteisungswagen stehen normalerweise dafür bereit, doch es erscheint nur einer. „Ein Fahrzeug ist gerade ausgefallen“, schimpft Nieminen. Nun muss alles besonders schnell gehen, denn die Wirkung der Enteisung hält maximal 40 Minuten an. Die MD-11 kann dennoch pünktlich in Richtung Frankfurt abheben, das Team um den Stationsleiter hat ihren Job bestens erledigt. Schon am nächsten Morgen steht auch der zweite Wagen wieder zur Verfügung. Nieminen hat das Fahrzeug kurzerhand selbst repariert, weil beim Hersteller so schnell niemand erreichbar war.

Wie er den kalten Winter überlebt, wird er gefragt. Nieminen lacht: „Überall dort, wo ich länger als sechs Monate bleibe, baue ich mir eine eigene Sauna.“