Fliegende Pferde

Bernhard Niederhammer ist passionierter Polospieler. Seine Pferde stammen aus Argentinien, Brasilien und Uruguay. Lufthansa Cargo bringt sie nach Deutschland


Voller Galopp – das Pferd prescht übers Feld. Weit vornüber gebeugt liegt der Reiter geradezu auf dem Rücken des Tieres. Mit der linken Hand umklammert er die Zügel, mit der rechten seinen Schläger – dabei lässt er seine Gegner keine Sekunde aus den Augen. Auch nicht den Ball, der über das 270 Meter lange und 180 Meter breite Spielfeld fliegt. Der Reiter kreuzt die Flugbahn des Balls und erobert ihn von der gegnerischen Mannschaft zurück. Sein Pferd bremst abrupt ab, wendet innerhalb von Sekunden, startet Richtung Tor durch. In die richtige Position gebracht, holt der Reiter zum Schlag aus. Er trifft den Ball perfekt, der beschreibt unter dem Hals des gegnerischen Pferdes hindurch einen hohen Bogen – direkt ins Tor. „Solche Schläge, wenn ich selbst über mich hinauswachse, machen Polo für mich aus. Nicht das Siegen oder die Preisgelder“, erzählt Bernhard Niederhammer. Der Münchner entdeckte seine Passion fürs Polospielen 1993 auf einer Reise nach Hawaii. Der schnelle Sport fasziniert ihn, lässt den Pferdeliebhaber nicht mehr los.

Sieben Jahre später beginnt er, sich intensiv mit Polo auseinanderzusetzen – und macht sich auf die Suche nach geeigneten Pferden. Die findet er in Südamerika. Die spritzigen und relativ kleinwüchsigen Criollos eignen sich hervorragend für das Spiel. Beheimatet sind sie vor allem in Argentinien und Uruguay, wo sie auch zum Rindertreiben eingesetzt werden. „Beim Polo kommt es auf das perfekte Zusammenspiel zwischen Pferd und Reiter an. Wenn du dich während des Spiels kaum mehr auf das Pferd konzentrieren musst, dann ist es genau das Richtige“, sagt Niederhammer. 2003 bringt er die ersten beiden Pferde aus Uruguay mit nach Deutschland.

Heute stehen in seinem Stall am Chiemsee neun Criollos mit so exotischen Namen wie „Pampa Opera“, „Aragan Cash“ und „Carancho TomTom“. Erst kürzlich war er wieder in Südamerika auf der Suche nach neuen Reittieren und zum Polospielen. „Pilar und Lobos sind die Polo-Städte in Argentinien. Dort gibt es wunderschöne Plätze, der Rasen steht exakt drei Zentimeter hoch und ist dicht wie ein Plüschteppich“, schwärmt der 49-Jährige, der als freiberuflicher IT-Experte für Konzerne wie Siemens und Telefonica arbeitet. Arbeitet Niederhammer nicht, findet man ihn auf dem Polofeld, auf der Koppel oder der Galoppbahn am Chiemsee – zumindest, wenn er in Deutschland ist. Seine Pferde trainiert er selbst, oft reitet er sie sogar ein. „Erst wenn sie routiniert starten, stoppen und wenden können, sollte man das erste Mal den Poloschläger in die Hand nehmen“, erklärt er.

Ein bis zwei Jahre dauert die Ausbildung, dann kann Niederhammer mit dem Pferd durchstarten. Das genießen auch die Tiere. „Beim Spring- oder Vielseitigkeitsreiten müssen Pferde eine vorgegebene Strecke ablaufen. Beim Polo hingegen können sie in der Herde richtig Gas geben, das ist für sie deutlich spannender.“ Während eines Spiels kann es schon mal zu Sprints mit bis zu 45 Kilometern pro Stunde kommen. Um die Pferde dafür fit zu machen, trainiert Niederhammer ihre Kondition und den Muskelaufbau.

Persönlicher Begleiter, professionelles Handling

Auch auf die Flüge von Südamerika nach Deutschland bereitet der Münchner die Criollos gewissenhaft vor. „So ein Langstreckenflug ist für Pferde zwar anstrengend, aber letztlich unproblematisch, wenn sie gesund sind“, sagt Niederhammer. Von Brasilien, Argentinien und Uruguay hat er bereits Tiere nach Frankfurt am Main fliegen lassen – und bei jedem einzelnen Transport war er persönlich dabei. „So eine Reise dauert gut und gern 48 Stunden. Da behalte ich meine Pferde doch am liebsten selbst im Auge“, sagt er. Bis die vierbeinigen Polospieler in den speziellen Transportcontainern am Flughafen ankommen, haben sie meist schon Hunderte Kilometer auf der Straße zurückgelegt. Die Container – sie messen 2,40 mal 3,15 Meter für drei Pferde – sind fensterlos, damit die Tiere nicht so schnell nervös werden. Leichtmetallwände und Decke sind gepolstert, der Boden ist mit rutschfestem Gummi ausgelegt, der Brustbalken aus Schaumgummi und Kunststoff, eine Kunststoffschürze begrenzt nach vorn. „Beim Start werden die Tiere am Halfter mit einem Strick kurz angebunden, das ist sicherer“, sagt Niederhammer.

Während des Flugs verbringt er immer wieder Zeit im Container, kontrolliert, ob die Pferde genug trinken und ob ausreichend Heu vorhanden ist. Nur bei Start und Landung nimmt er angeschnallt im Passagierraum Platz. „Ich fliege immer mit Lufthansa Cargo. Die Piloten sind hervorragend qualifiziert, die Crew ist sehr hilfsbereit, und die Tiere erfahren auch am Boden erstklassiges, professionelles Handling“, erklärt Niederhammer. Das beginnt damit, dass die Pferdecontainer exakt über den Tragflächen des Frachtfliegers verladen werden, da es hier am ruhigsten ist. Zudem stimmen sich die Piloten mit ihm in puncto Luftfeuchtigkeit und Temperatur ab. „Vor der Zwischenlandung in Dakar lässt die Crew eigens kalte Luft in den Frachtraum einströmen. Die kalte Luft verhindert eine Überhitzung der Pferde.“

Rund sechs Stunden später erreicht der Flieger den Frankfurter Flughafen. Dort kommen die Pferde in die Animal Lounge und damit in eine der weltweit modernsten Tierstationen. Auf rund 4.000 Quadratmeter Fläche beherbergt die Station in unterschiedlichen Bereichen unter anderem 42 geräumige Pferdeställe. Sobald der Veterinär grünes Licht für den Weitertransport gibt, treten die Pferde den letzten Teil der Reise in ihre neue Heimat an: Sie fahren zum Chiemsee. Niederhammer: „Dort angekommen, dürfen sie erst einmal auf die Koppel, bekommen Futter und Wasser und können entspannen.“