Die Vorfeldsheriffs

Wenn es bei Passageflügen mit der Frachtbeladung kritisch wird, sind Cargo Lufthanseaten direkt vor Ort

Fast die Hälfte aller Frachtsendungen von Lufthansa Cargo fliegt im Bauch von Passagierflugzeugen. Ein 18-köpfiges Cargo-Team überwacht direkt auf dem Vorfeld am Frankfurter Flughafen das Be- und Entladen – und greift ein, wenn es kritisch wird. 

In der Kfz-Zulassungsstelle nennen sie es Wunschkennzeichen. Der weiße Fiesta hat das Nummernschild FRACHT KOO. Was da draufsteht, ist auch drin. Gruppenleiter Airport Relations Fraport Karlheinz Höngesberg und Frachtkoordinator Steffen August fahren auf dem Vorfeld Inspektion. Die MD-11-Frachter nehmen sie nur im Vorbeifahren wahr, denn ihre ganze Konzentration gilt den Maschinen der Lufthansa Passage. 

Es ist kurz vor 16 Uhr. Höngesberg hält einen Computerausdruck mit den vier kritischen Flügen der nächsten Stunde in der Hand. „Kritisch“ bedeutet für den Gruppenleiter, dass es zwischen Landung und Weiterflug einer Maschine knapp werden und Teile der Fracht aus Zeitgründen zurückbleiben könnten. Als „kritisch“ gelten zudem alle Flüge in die GUS-Staaten, weil die dortigen Zollbehörden nicht die geringste Abweichung zwischen der verladenen Fracht und den Begleitdokumenten verzeihen.

Um 16.15 Uhr stoppt Steffen August seinen Fiesta an einem Airbus A320, der um 16.35 Uhr nach Sankt Petersburg abheben wird. Er klettert das Gepäckband hoch, verschwindet im winzigen Stauraum des Flugzeugs, inspiziert die Bordtasche und ist zufrieden: „Alles okay.“ Die Inspektion der Bordtasche, die alle wichtigen Frachtdokumente enthält, gehört bei Flügen in GUS-Staaten zum Pflichtprogramm der Vorfeldkoordinatoren. Während dem Zoll in anderen Staaten ein fehlerhaftes Schriftstück schon mal per E-Mail nachgereicht werden kann, sagen die Uniformierten in Russland konsequent: „Njet“ – keine Chance für Nachmeldungen. Vorsorglich steuert August dann Position A 54 an, auf der Flug LH1323 aus Tunis um 16.25 Uhr hätte andocken sollen. Auf seinem Computer im Büro war die avisierte Maschine zwar nicht rot und damit als kritisch markiert, doch dem geschulten Auge des Vorfeldkoordinators ist es nicht entgangen, dass „der Flieger verdammt viel Fracht an Bord hat und nach rund einer Stunde ebenfalls mit hoher Frachtzuladung weiter nach Warschau fliegen soll.“ August fürchtet Probleme, zumal der Tunis-Flieger mit 25 Minuten Verspätung in Frankfurt ankommt.

August geht im Kopf bereits durch, welche Fracht im Fall des Falles zurückbleiben könnte. Die Entscheidung, was mit muss, erfolgt unter Berücksichtigung klarer Kriterien. Das sind die für Warschau bestimmten Medikamente, die Diplomaten-Fracht sowie eiligste Expresssendungen. „Es gibt“, sagt Gruppenleiter Höngesberg, „absolute ‚must go‘ – also Muss-Fracht. Keinesfalls zurückbleiben dürfen Organspenden, Wertfracht oder lebende Tiere.“Das gilt für Lufthansa Cargo bei Frachterflügen genauso wie bei Passagierverbindungen. Doch eingreifen muss Höngesberg diesmal nicht - alles läuft wie geplant und der Flieger hebt pünktlich Richtung Warschau ab. Zeit zum Verschnaufen bleibt aber kaum: Der nächste Auftrag wartet schon auf den Vorfeldsheriff.