2.000-jähriges Eis im Frachter

Es war die coolste Sendung, die das Lufthansa Cargo Team am Bremer Flughafen je abgefertigt hat. 24 Kisten mit bis zu 2.000 Jahre altem Eis aus der Antarktis wurden für wissenschaftliche Untersuchungen in die USA geflogen.


Solche Fracht gibt es nicht jeden Tag. Als die vier Paletten mit dem kostbaren Inhalt in den vorgekühlten Container verladen werden, greifen die einen zum Foto und andere zum Handy. Joerg Campsheide, Operations Manager der Spedition DSV, hat gleich seine ganze Mannschaft zum Fotoshooting mitgebracht. Peter Breuer, Kundenbetreuer Außendienst und mit 40 Dienstjahren bei Lufthansa Cargo ein alter Hase, knipst fürs Archiv, was das Zeug hält. Handling-Mitarbeiter des Airports legen für einige Minuten die Arbeit nieder und gehen auf Sightseeing-Tour. Faszination Luftfracht – aber welcher Star geht diesmal an Bord? Absender ist das Alfred-Wegener-Institut Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven. Dessen Glaziologen um den Eis-Spezialisten Dr. Sepp Kipfstuhl hatten in der Antarktis zur Jahreswende 2012 bei Temperaturen um minus 30 Grad Celsius einen bis zu 3.000 Meter dicken Eispanzer angebohrt. Denn das Eis, sagt Wissenschaftler Kipfstuhl, „ist ein einzigartiges Klimaarchiv“. Seine Zusammensetzung erlaube, „Umweltbedingungen über Tausende von Jahren zu charakterisieren und die damals herrschenden Temperaturen zu rekonstruieren“.

Eigentlich ist das Eis an den Polarkappen der Erde nur zusammengepresster Schnee. Unter der Last jährlich neuer Schneefälle wird er zu Eis verdichtet. So entstehen verschiedene Lagen, an denen die Forscher wie bei den Jahresringen eines Baums das Alter des Eises bestimmen können. Die Bohrungen, die das Kipfstuhl-Team während der Antarktis-Expedition machte, erreichten Tiefen bis 200 Meter. Die zehn Zentimeter dicken und 200 Meter langen Eis- Stangen, für den Transport in Ein-Meter-Stücke zerschnitten, repräsentieren das Klima der vergangenen 2.000 bis 2.500 Jahre. Es ist jene Zeit, in welcher der Mensch begann, Metalle wie Kupfer, Blei oder Eisen zu verwenden. Mit der beginnenden Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelangten auch zunehmend Abgase in die Atmosphäre und damit ins Eis. Treibhausgase in Eisbohrkernen aus Grönland und der Antarktis zeigen Kipfstuhl zufolge, dass die CO2-Konzentration in den vergangenen 800.000 Jahren nie so hoch war wie heute. Allein in den letzten 200 Jahren sei sie um 30 Prozent gestiegen.

1.500 Meter Eisbohrkerne hat Kipfstuhl bei dem jüngsten Antarktis- Trip mitgenommen. Da sie auch von anderen Instituten heiß begehrt sind und die Glaziologen des Alfred-Wegener-Instituts nicht über alle Analysemöglichkeiten verfügen, wird ein Teil der Eiskerne in internationaler Zusammenarbeit analysiert – etwa im kalifornischen Reno. Um die Anforderungen der Bremerhavener Wissenschaftler zu erfüllen, musste während des gesamten Transports nach Kalifornien eine Temperatur von minus 20 Grad Celsius gewährleistet sein.
Die Hardware konnte Lufthansa Cargo mit dem Unicooler RAP bieten. Die Spezial-Container können dank einer 320-Kilo-Box mit Trockeneis die erforderliche Temperatur über die gesamte Kühlkette hinweg sicherstellen. Eingebaute Sensoren dokumentieren Datum, Zeit, Temperatur und Luftfeuchtigkeit am Abgangsort, während des Transits sowie am Bestimmungsort. Auch das Wichtigste bei einer solchen Transportlösung war in Bremen gegeben: ein eingespieltes Team von Handling und Vertrieb sowie eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Business Partner DSV. Als die Nachricht kam, die Sendung sei unbeschadet in Reno eingetroffen, fiel selbst Cargo- Routinier Peter Breuer „ein Stein vom Herzen“. Auch „Eismann“ Kipfstuhl verriet im Nachhinein seinen schlimmsten Alptraum: „Die Kisten wurden geöffnet – und das ganze Eis aus 2.000 Jahren war geschmolzen.“
Das Untersuchungslabor in Reno trägt in seinem Namen das Wort Wüste: „Desert Research Institut“. Dass das Eis aus der Antarktis ausgerechnet den Wissen-schaftlern in der Wüstenstadt Reno anvertraut wurde, kommentiert Kipfstuhl mit einem Lächeln: „Das ist doch nur konsequent. Schließlich ist die Antarktis auch eine Wüste.“ Am südlichsten Zipfel der Erde fallen nur 30 bis 50 Millimeter Schnee im Jahr gegenüber 800 Millimetern Niederschlag pro Jahr in Bremerhaven.