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Cargo persönlich.

„Wir brauchen die Luftfracht.“

Matthias Wissmann ist als VDA-Präsident oberster Interessenvertreter einer der wichtigsten deutschen Branchen. Dr. Andreas Otto, Vorstand Produkt und Vertrieb bei Lufthansa Cargo, befragte den Ex-Bundesverkehrsminister zu seiner Karriere, zur Lage der Automobilindustrie und der Bedeutung von Nachtflügen.

Dr. Andreas Otto: Herr Wissmann, Sie waren mit 27 Jahren einer der jüngsten deutschen Bundestagsabgeordneten. Was trieb Sie in die Politik?
Matthias Wissmann: Bereits in jungen Jahren fand ich es faszinierend, mich für das Gemeinwohl einzusetzen. Ich war erst Klassen-, dann Schulsprecher. Dabei stand weniger der Wunsch nach einer beruflichen Karriere im Vordergrund als vielmehr das Ziel, dem Leben einen Sinn zu geben – auch durch das Engagement für andere. 

Dr. Otto: Sie sind 1993 Bundesverkehrsminister geworden und hatten dieses Amt fünf Jahre inne. Wie kam es zu diesem Ministeramt?
Wissmann: Ich habe mich schon früh für Verkehrs- und Mobilitätsthemen interessiert und mich auf diesem Feld engagiert, vor allem in meiner Heimatregion Ludwigsburg. Nach dem Rücktritt des damaligen Verkehrsministers Günter Krause bat mich Bundeskanzler Kohl, das Amt zu übernehmen. Diese Herausforderung habe ich gern angenommen. In den darauffolgenden Jahren habe ich mich neben zahlreichen anderen Themen im Wesentlichen um die Reform der Deutschen Bahn und – gegen alle damaligen Widerstände – um die Privatisierung der Lufthansa gekümmert. Es war damals unser Ziel, die Lufthansa zur führenden europäischen Airline zu machen. Das ist uns gelungen. Das war eine beachtliche Leistung der gesamten Lufthansa-Belegschaft, vor allem aber auch von Jürgen Weber, dem damaligen Konzernchef. Und in aller Bescheidenheit: Auch die Bundespolitik hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. 

Dr. Otto: Sie haben einen beeindruckenden Karriereweg – Bundestagsabgeordneter, zwei Bundesministerposten und Präsident eines der wichtigsten Verbände in Deutschland und Europa. Haben Sie das angestrebt?
Wissmann: Natürlich war ich immer ambitioniert, aber ein Berufsweg ist ja stets eine Kombination aus Geschick und Glück. Diese Faktoren kamen auch bei mir zusammen. Die Ministerämter wurden mir von Helmut Kohl angeboten, das Amt des VDA-Präsidenten wurde mir von Daimler-Chef Zetsche, VW-Chef Winterkorn, BMW-Chef Reithofer und dem Bosch-Chef Fehrenbach angetragen.

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„Ein Nachtflugverbot an Europas zweitgrößtem Luftfrachtstandort Frankfurt wäre für die Automobilindustrie eine Katastrophe.“

Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie

Dr. Otto: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der Automobilindustrie ein?
Wissmann: Die Automobilbranche ist in den letzten Jahren durch unglaubliche Stürme gegangen. Insbesondere im Winter 2008 stand die Industrie in der schwierigsten wirtschaftlichen Lage ihrer Geschichte. Unsere Hersteller, aber vor allem auch die vielen kleineren und mittelständischen Zulieferer, hatten massive Umsatzrückgänge, die Trailerhersteller teilweise sogar mehr Abbestellungen als Aufträge zu verkraften – und keine Prognose war möglich. Dass wir zwei Jahre später ein Rekordjahr erleben würden, daran war damals nicht zu glauben. Auch 2011 kann aus unserer Sicht ein gutes Jahr werden, vorausgesetzt, es gibt keine weiteren Turbulenzen an den Finanz- und Rohstoffmärkten. Wurden 2010 rund 60 Millionen Kraftfahrzeuge weltweit verkauft, so werden es in diesem Jahr zwischen 65 und 66 Millionen sein. Die deutsche Automobilindustrie hat daran einen überproportionalen Anteil.

Dr. Otto: Was sind die Wachstumstreiber? 
Wissmann: Vor allem China und die Schwellenländer haben erhebliches Potenzial. Hier wird das Interesse am Automobil noch stark wachsen. Denn während in Westeuropa rund 500 Autos auf 1.000 Einwohner kommen, sind es in Indien nur 11, in China 23. Man braucht also nicht viel Fantasie für die Prognose, dass dort mittel- und langfristig die Nachfrage enorm steigen wird. Die deutsche Industrie hat dabei eine sehr gute Ausgangsposition, denn von hier kommen die technologisch ausgereiftesten Autos mit dem besten Markenwert. Das bedeutet große Chancen für Hersteller und Zulieferer gleichermaßen. Und für andere Beteiligte in der Wertschöpfungskette – wie beispielsweise Lufthansa Cargo.

Dr. Otto: Welche Bedeutung hat die Luftfracht für die Automobilbranche?
Wissmann: Wir brauchen Luftfracht vor allem in zwei Bereichen: erstens bei sehr leichten Bauteilen wie Halbleitern. Hier ist die Luftfracht das Transportmittel der Wahl, denn sie ist in Geschwindigkeit und Qualität den anderen Verkehrsträgern deutlich überlegen. Zum Zweiten brauchen wir die Luftfrachtcarrier bei Produktionsengpässen oder Transportausfällen, gerade auf den langen Strecken, damit die Lieferkette nicht unterbrochen wird. Kaum ein Unternehmen unserer Industrie hat noch eine umfassende Vorratslagerhaltung. Die Konsequenz war beim Flugverbot infolge des Vulkanausbruchs in Island deutlich zu sehen: Innerhalb weniger Tage war die Lieferkette unterbrochen – und die Automobilproduktion musste in einigen Ländern aufgrund fehlender Bauteile eingestellt werden. Lufthansa Cargo hat hier nach dem Ende des Flugverbots übrigens exzellente Arbeit geleistet und unsere Branche maßgeblich unterstützt.

Dr. Otto: Stärker als von der Luftfracht sind Sie aber von anderen Verkehrsträgern abhängig.
Wissmann: In der Tat. Deswegen müssen wir die alten Grabenkämpfe endgültig sein lassen und die Verkehrsträger noch stärker miteinander vernetzen. Es ist genug Verkehr für alle da. Jedes Verkehrsmittel sollte dort zum Einsatz kommen, wo es am effizientesten ist. Immerhin werden 50 Prozent der neuen Autos vom Werk aus mit der Bahn und durch Binnenschiffe transportiert. Und wichtig ist immer: Verlässlichkeit, Leistung und natürlich die Preise für den Transport müssen stimmen.

Dr. Otto: Der VDA ist der Inbegriff erfolgreicher Verbandsarbeit. Was kann unsere Branche vom VDA lernen?
Wissmann: Entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Verbandsarbeit ist es, dass es den führenden Personen gelingt, gegenüber der Politik mit einer Stimme aufzutreten – und das trotz aller Interessenunterschiede und Konflikte, die es zwischen den Mitgliedern geben kann. Wichtig ist auch, nicht nur durch die eigene Interessenbrille zu schauen, sondern gerade im Dialog mit der Politik auch das Allgemeinwohl im Blick zu haben. Nur so kann eine Situation entstehen, die beiden Seiten nutzt. Dem Gesetzgeber sollte aber auch immer klar sein, dass eine starke Industrie von zentraler Bedeutung für Wohlstand und Beschäftigung ist. Deutschland ist unter anderem deshalb so stark, weil es seinen Industrieanteil an der Bruttowertschöpfung von rund 30 Prozent in den letzten Jahren gehalten hat. In England beispielsweise ist dieser Wert massiv zurückgegangen – und wir haben ja gesehen, wie sich Krisen auf Länder auswirken, die eine wirtschaftliche Monokultur geschaffen haben – wie eben die Briten mit der Finanzdienstleistungsbranche. 

Dr. Otto: Die Luftverkehrsbranche ächzt unter zahllosen neuen Verordnungen und Gesetzen wie Luftverkehrsabgaben, Emissionshandel und nationalen Alleingängen in Sicherheitsfragen. Wie kann sich unsere Branche stärker Gehör verschaffen?
Wissmann: Für mich ist ganz klar: In einem starken Industrieland brauchen wir eine starke Luftverkehrswirtschaft. Diese Botschaft ist noch nicht bei allen Menschen angekommen. Wir brauchen leistungsfähige Flughäfen auch in Zukunft. Und einige dieser Flughäfen müssen aufgrund unserer Exportorientierung und aufgrund der Bedürfnisse der produzierenden Industrie auch nachts geöffnet sein. Bei allem Verständnis für Umwelt- und Lärmschutzbelange: Die Exportnation Deutschland braucht Nachtflüge. Ein Nachtflugverbot an Europas zweitgrößtem Luftfrachtstandort Frankfurt etwa hielte ich für eine Katastrophe – auch und gerade für die Unternehmen, die ich im VDA repräsentiere. Ich hoffe und wünsche, dass das Bundesverwaltungsgericht die wirtschaft­liche Notwendigkeit von Nachtflügen anerkennt und auch künftig an ausgewählten deutschen Flughäfen nachts Fracht geflogen werden kann. Zudem ist das Thema Sicherheit zentral. Der VDA unterstützt die Bestrebungen der Lufthansa Cargo, ein länderübergreifendes und wirkungsvolles Sicherheitskonzept bei den Lufttransporten zu realisieren. Die beteiligten Branchen, auch unsere, sind dringend angewiesen auf einen sicheren Lufttransport.

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Andreas Otto

Vorstand Produkt und Vertrieb bei Lufthansa Cargo

Dr. Otto: Wie erleben Sie Lufthansa als Passagier – und als Mitglied des Lufthansa Aufsichtsrats?
Wissmann: Ich fliege immer wieder gern mit Lufthansa. Und ich freue mich, dass Lufthansa die Krise so gut und professionell gemeistert hat – und heute als Benchmark der weltweiten Luftverkehrsbranche gilt. Dennoch bleibt der Wettbewerb mit den Billig-Airlines hart. Es wird darauf ankommen, dass Lufthansa im Premiummarkt die führende Marke und dominante Größe bleibt – ohne sich im Volumensektor an die Wand drücken zu lassen. Ich wünsche dieser Doppelstrategie viel Erfolg.

Dr. Otto: Fahren Sie eigentlich jeden Tag ein anderes Auto?
Wissmann: Tatsächlich darf ich immer wieder neue Autos testen – das ist eine der besonders schönen Seiten meines Berufs. Privat fahre ich derzeit einen VW Golf BlueMotion, den sparsamsten Golf aller Zeiten. Dienstlich nutze ich einen Mercedes S-Klasse Hybrid, davor hatte ich den Wasserstoff-BMW Hydrogen 7. Für nichts anderes werden wir auf der Welt so bewundert wie für unsere Autos. Naja, vielleicht noch für unseren Fußball, zumindest zeitweise. (Lacht)

Dr. Otto: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Fotos:

Stefan Wildhirt

planet 1/2011