Germany

"Flug" LH7000

Christa Pannke und ihr Team bringen in Europa die Luftfracht auf die Straße.

Von Frankfurt aus steuern sie den Einsatz von bis zu 100.000 Lkw-Fahrten pro Jahr
Sonntagabend, 20.30 Uhr. In bundesdeutschen Wohnzimmern läuft seit 15 Minuten der „Tatort“. Im Frachtbereich Nord am Frankfurter Flug­hafen dockt auf Spur 7 der Lkw-Abfertigung gerade Flugnummer LH7000 an. Der 40-Tonner wird an diesem Tag vier Flugzeugpaletten mit Kleidung laden. Die Fracht, 15 Tonnen mit einem Volumen von 68 Kubik­metern, war am Samstag aus Asien gekommen und soll weiter nach Hamburg. In einen Airbus A320 oder die noch kleinere Boeing 737 hätte die Sendung nicht gepasst. Eine Spur weiter ist LH7370 nach Oslo so gut wie fertig beladen. An Bord sind Ersatzteile für Bohrplattformen in der Nordsee. „Abflug“ für beide Lkw-Züge ist 21 Uhr.

Verantwortlich für den reibungslosen Ablauf des Luftfrachtersatzverkehrs, der unter Experten Road Feeder Service (RFS) genannt wird, sind Christa Pannke und ihr 28-köpfiges Team. RFS ist Fliegen auf Ebene null. Denn jede Lkw-Tour wird bei Lufthansa Cargo wie ein Flug behandelt. Deshalb verkehren die Lastzüge auch mit Flugnummern. „Im Europaverkehr fehlen die Ladekapazitäten, um alle Güter in der Luft von und zu den Inter­kontinentalflughäfen wie Frankfurt und München zu bringen“, sagt Pannke. „Und vielfach ist die Fracht auch einfach zu groß für die kleinen Kurz- und Mittelstrecken-Jets.“
Die Alternative ist der Lkw.

In den riesigen Frachthallen bewegen nur Männer die schweren Paletten. In den Fahrer­häusern der Lkw sitzen zumeist Männer aller Nationalitäten. Wie kommt Christa Pannke auf den Chefsessel in diesem Job, der ansonsten von Männern dominiert wird? So richtig erklären kann sie das auch nicht. Sicherlich hat sie schon in der Familie gelernt, sich gegen das männliche Geschlecht zu behaupten: Daheim am Tisch saßen ein Mann und vier Söhne. Ursprünglich wollte sie Beamtin werden. Als Lehrerin für Mathematik und Politik. Das hat Anfang der 80er-Jahre auch planmäßig geklappt, aber immer nur für ein paar Monate im Jahr.

Wie Tausende Leidensgenossen wurde sie damals trotz hervorragendem Examen nur als Lehrerin auf Zeit angestellt. Irgendwann dachte sie über Alternativen nach. 1984 bewarb sich Christa Pannke beim Kranich. Die Personalabteilung war begeistert: „Die Frau hat Mathematik studiert, sie kann mit Zahlen umgehen, die nehmen wir für die Abrechnung.“ Es kam schon am ersten Tag ganz anders. Der Abteilungsleiter überflog den Lebenslauf, stellte ein paar Fragen und befand: „Für das Rechnungswesen sind Sie zu schade, ich kann Sie bei der Fracht besser gebrauchen.“

Christa Pannke war bei Lufthansa Cargo gelandet. Zunächst als Assistentin des Chefs, später zunehmend auf eigenen Füßen stehend. Sie lernte das Frachtgeschäft in allen Facetten – und eben auch, dass sich hinter vierstelligen Flugnummern, die mit einer 7 beginnen, ein Lkw versteckt. Deshalb ärgerte sie sich in Frankfurt über die zunehmenden Staus vor dem Gotthardtunnel in der Schweiz. Die brachten nämlich den Fahrplan durcheinander. Bis heute blickt die Truppe um Christa Pannke jeden Freitag gebannt auf das Nadelöhr im italienisch-deutschen Transitverkehr. Denn an diesem Tag rollen bis zu 22 voll beladene Lkw von Oberitalien nach Frankfurt.

Ohnehin ist freitags „Großkampftag“ auf dem Frankfurter Flughafen, Europas größter Cargo-Drehscheibe. Aus Tallinn und Stockholm, Rom und Madrid, Wien und Warschau, Amsterdam, Rotterdam und einer Reihe anderer Städte treffen die Trucks ein und bringen ihre Ladung, die am Wochenende in die MD11-Frachter von Lufthansa Cargo verladen wird oder in die Bäuche der Interkontinentalflugzeuge der Lufthansa-Passage.

Im dritten Stock des schmucklos-funktionalen Frachtgebäudes 420 wird der tägliche RFS-Einsatz in Europa gesteuert. Grundgerüst ist ein fester Fahrplan, in dem von Montag bis Sonntag auf die Minute genau die Abfahrtzeiten von und zu 80 europäischen Flughäfen festgelegt sind. Der Plan enthält 1.500 Touren pro Woche. Alle 18 Monate werden die Fahrten von Lufthansa Cargo
neu ausgeschrieben und an die konkurrenzfähigsten Spediteure vergeben. Zum festen Stamm der „Linien-Spediteure“ gehören rund zehn Unternehmen.

Reicht der Linienverkehr nicht aus, weil auf den Maschinen aus Peking, New York oder Rio mehr Fracht ist als kalkuliert oder weil Sony Ericsson von Stockholm vier große Flugzeugpaletten mit Handys zusätzlich nach Südafrika verschicken will oder der Käufer eines Lamborghini in Peking nicht mehr länger warten kann, dann bemüht die RFS-Mannschaft die erst 2007 eingeführte Frachtbörse. Die Cargo-Disponenten stellen den Auftrag für zwei Stunden ins Netz. In dieser Zeit können die 74 an der Börse gelisteten Speditionen ihr Angebot abgeben.

An die Schule verschwendet Christa Pannke keinen Gedanken mehr. Geblieben ist die Affinität der studierten Mathematikerin zu Zahlen. Sie hat alles im Kopf, einschließlich der Verspätungsrate: „81,3 Prozent Ankunftspünktlichkeit im Jahr 2010.“ Und ohne neu Luft zu holen, schiebt sie sofort nach: „Damit waren wir nicht zufrieden. Unser Ziel sind 85 Prozent.“ Das ist angesichts
der staugeplagten deutschen Autobahnen und zunehmender Wetterkapriolen ein ambitioniertes Vorhaben.  

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