

Die Bitte um Landeerlaubnis war vom Lotsen im Tower wohlwollend aufgenommen worden. „Erlaubnis erteilt – aber bitte nur auf dem nördlichen Teil der Piste. Auf dem südlichen liefern sich gerade Rebellen eine Schießerei mit dem Militär!“ Die Crew im Cockpit der Frachtmaschine musste blitzschnell handeln: Die Maschine bei der Landung in Burundi womöglich in den Kugelhagel zu manövrieren war keine Option für den erfahrenen Piloten Nigel Ironside. Mithilfe einer waghalsigen Vollbremsung gelang das schier Unmögliche, die DC-8 kam im Nordabschnitt der Landebahn in einer riesigen Staubwolke um Stillstand.
Die Fracht blieb unversehrt. Männer wie der Lufthansa-Cargo-Pilot Nigel Ironside haben die 100-jährige Geschichte der Luftfracht mitgeprägt – mit ihrem Mut, ihrer Leidenschaft und der ständigen Suche nach einer neuen Herausforderung. Ab 1988 begann der gebürtige Brite mit der Ausbildung neu zusammengestellter Flugteams des Luftfrachtunternehmens German Cargo, einer Vorgängerin der heutigen Lufthansa Cargo.
Ironside, der in seiner Karriere vom Militärhubschrauber bis zur MD-11 so ziemlich alles geflogen hat, gilt heute als einer der Urväter der Cargopiloten in Deutschland. Keine 20 Jahre vor dem meisterhaften Landemanöver in der Steppe wurde die Luftfracht als Zukunftsmarkt noch gar nicht so recht ernst genommen.
Bis in die Siebziger hinein galt das Frachtgeschäft oft als reines Nebenprodukt der Passagierluftfahrt. Zu denjenigen, die das große Potenzial der Luftfracht als eigenständigen Geschäftszweig früh vorausgesehen haben, gehörte Wilhelm Althen. Der erste Vorstandsvorsitzende der 1994 gegründeten Lufthansa Cargo AG ist so etwas wie Ironsides Pendant aufseiten des Managements.
Den Weg bereitete er ab 1977, als Geschäftsführer des neu gegründeten Luftfrachtunternehmens German Cargo. Althens Flotte seinerzeit: vier Boeing 707F mit einer Nutzlast von nur jeweils 26 Tonnen. Der Gewinn, den Althen und sein 16-köpfiges Team im ersten Geschäftsjahr erzielten, deutete bereits an, dass noch Luft nach oben war: Umgerechnet 32 000 Euro sprangen heraus. Dabei begann die ganze Geschichte der Luftfracht eigentlich mit einem PR-Gag: Ein amerikanischer
Geschäftsmann hatte im November 1910 die glänzende Idee, zehn Ballen Seide von Dayton / Ohio nach Columbus / Ohio zu fliegen. Schnell wurde er sich mit den Flugpionieren Wright einig, die den Job für 5000 Dollar übernahmen. Nur 100 Kilometer betrug die Flugdistanz. Am Ziel angekommen, machte man sich daran, die Seide in kleine Stücke zu schneiden und als Souvenir auf Postkarten zu applizieren. Die Kleinode fanden, veredelt durch den Flug in schwindelerregenden 600 Metern Höhe, reißenden Absatz und avancierten zu begehrten Sammlerobjekten.
Ein Dreivierteljahr später, im August 1911, wurde das erste Kapitel der deutschen Luftfrachtgeschichte aufgeschlagen: Die „Berliner Morgenpost“ mietete einen Doppeldecker, der von Berlin-Johannisthal nach Frankfurt an der Oder abhob. Seine Fracht bestand aus ein paar Packen mit der aktuellen Ausgabe der Berliner Morgenpost.
Als Pilot Siegfried Hoffmann landete, war auch Mediengeschichte geschrieben: Die druckfrischen Blätter trafen eine ganze Stunde früher am Zielort ein, als dies mit der Eisenbahn möglich war. Aktueller ging es damals wirklich nicht. Auf Navigationsstandards wie den künstlichen Horizont auf den Armaturen mussten die Pioniere in den Kindertagen der Luftfahrt verzichten. Die ersten Frachtpiloten orientierten sich noch an der Sonne – und an Eisenbahnschienen, die es als Verkehrsweg in punkto Schnelligkeit ja zu übertreffen galt.
Sogar ein Kapitän Nigel Ironside musste zu Beginn seiner Laufbahn den Flugplan noch selbst erstellen und brachte die Navigation unterwegs auf den neuesten Stand, indem er die Koordinaten einzeln in das System eingab – mühselige Aufgaben also, die den Crews längst vom Flight-Management-System mit höchster Präzision abgenommen werden.
In welchem Maße Luftfracht heute die globale Wirtschaft antreibt, hat nicht zuletzt der Vulkanausbruch 2010 auf Island vor Augen geführt. Durch das europaweite Flugverbot ging vielen deutschen Industrieunternehmen der Nachschub an Bauteilen aus, bei BMW standen zeitweise die Bänder still. Damit nicht genug: Luftfracht rettet Leben – das zeigen die historische Glanzleistung der Berliner Luftbrücke zwischen 1948 und 1949 ebenso wie die humanitären Hilfsflüge in die Krisenregionen
der Welt von heute.
Der Erfolg der Lufthansa Cargo wäre sicher nicht denkbar ohne das Engagement von Persönlichkeiten wie Pilot Nigel Ironside und Wilhelm Althen. Sie legten mit ihrer Arbeit den Grundstein zum heutigen Unternehmen. Dabei musste auch der Manager, ganz Pionier, durchaus alle Register ziehen, um noch mehr Zeitersparnis und Sicherheit für seine Frachtkunden herauszuholen. So wie in Birma, dem heutigen Myanmar. Die Überflugrechte hätten die Flugzeit auf der Strecke nach Hongkong um 20 Minuten verkürzt und Kerosin gespart. Die Gespräche vor Ort machte Althen zur Chefsache. Zu seiner Überraschung forderten die Verantwortlichen als Gegenleistung für das Recht, das Land zu berfliegen, drei „Quelle“-Kataloge. Althen lieferte die „Kostbarkeiten“ persönlich an seine Verhandlungspartner, die kurz darauf Versandhausartikel im Wert von rund 3000 DMark bestellten. Und die Frachter aus dem fernen Deutschland flogen fortan noch schneller nach Hongkong.